"Ne heilige Kuh"

- "Na, Kini von Bayern, biste auch schon auf der Höh'?" André Eisermann starrt auf die Sofalehne, die ihm in diesem Moment Linderhof, Neuschwanstein und alle Bergeshöhen ringsum zu sein scheint, und rezitiert lebhaft mit verstellter Stimme. Die authentischen Geschichten, mit welchen er auf seiner neuen Lese-Tour "Es ist der König" seinem Publikum die letzten Stunden Ludwigs II. näher bringen will, halten den Schauspieler so sehr gefangen, dass er schon während des Interviews immer wieder mit leuchtenden Augen in deren Wortlaut verfällt.

Minutenlang. So sehr hat er zu seinem Ludwig gefunden. "Ich habe festgestellt, dass er einer von uns ist, von unserer Generation: der kein Kind will, der die Kultur fördern will . . . Er hatte Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit und kannte nichts anderes als immer nur Zwang und Demütigung. Dieser zerrissene Mensch zwischen Wittelsbacher und seinem Amt als König, das ist es, was mich interessiert, das ist ein Teil von uns allen. Ein ganz wunderbarer, intelligenter Mann!"

Es scheint, als handle auch diese szenische Lesung mit dem Anspruch der meisten Ludwig-Kommentare: Dies sei nun die ultimative Wahrheit über den geheimnisvollen Märchenkönig. Doch Eisermann, dessen Interesse von seinem Part als Bruder Otto im Füssener Musical "Ludwig2" herrührt, schüttelt den Kopf: "Ich erzähle von Ludwig nichts Neues, aber durch meine eigene Interpretation wird es neu, bekommt das Ganze eine andere Authentizität. Was mir als Mensch innewohnt von Ludwig, das kann ich zeigen. Was darüber hinausgeht, muss ich darstellen."

"Weniger ist mehr. Und doch kommt Ludwig irgendwann aus mir heraus."

André Eisermann

Ein bisschen Angst habe er dennoch: "Der König ist ja schon 'ne heilige Kuh in Bayern, da muss man aufpassen, dass man ihn nicht verunglimpft." Das sei nicht sein Anliegen; er empfinde Mitleid und wolle nur den dicken, gemütlichen Wittelsbacher zeigen ("ein gestandener Mann von einsdreiundneunzig, der keineswegs verrückt war"), wie er im Porträt auf den Schreibtischen der Allgäuer stehe. Hierzu nutzt die Lesung, begleitet von den Live-Improvisationen des Pianisten Jakob Vinje, vor allem Augenzeugenberichte, auch Sekundärpublikationen und zudem die Klaus-Mann-Novelle "Vergitterte Fenster".

Ist es nicht ungewöhnlich, einen König, der dermaßen großen Wert auf das Visuelle gelegt hat, mit bloßen Worten illustrieren zu wollen? Schwärmerisch setzt Eisermann auf die Fantasie des Zuschauers: "Weniger ist mehr. Und doch kommt Ludwig irgendwann aus mir heraus, und doch kann ich mich vielleicht nicht halten, fix und fertig die letzten Worte auf Französisch zu sprechen und dann mit dem Tisch zusammenzubrechen!"

Man kennt diesen Schauspieler, dessen schmächtiger Körperbau seiner mächtigen Stimme widerspricht, vor allem in Außenseiterrollen: aus Filmen wie "Kaspar Hauser" und "Schlafes Bruder" oder aus seiner Lesung zu Goethes "Werther". "Schön nicht?", schwelgt der 38-Jährige und wirkt dabei so altmodisch, als stünde er als Visconti-Ludwig an der Seite von Romy Schneider. "Wenn man so zurückblickt auf die Figuren, dann ist doch nichts Dummes dazwischen, wofür man sich schämen müsste." Dann kehrt er geschäftig ins Jetzt zurück: "Mich interessieren Personen, die mich fordern, aus mir heraus das Extremste zu holen. Wie sagte Max Reinhardt: Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung."

André Eisermann enthüllt sich immer wieder neu. Er, der Spross einer Schaustellerfamilie, der an die Münchner Falckenbergschule ging, der alles ausprobieren will, der (Selbst-) Darsteller mit einem Hang zum Pathetischen, er möchte sich nicht auf ein Genre, ein Rollenfach festlegen. Demnächst will er gar Regie bei einem Musical führen. "Ich denke, dass uns alles zufällt. Man setzt sich etwas in den Kopf, und da geht alles los. Es ist Glück und Behauptung und Durchsetzungskraft. Man muss so von den Dingen überzeugt sein, dass auch andere davon überzeugt sind." Von seiner Lesung ist Eisermann jedenfalls so überzeugt, dass er noch einmal in seinen Protagonisten schlüpft und zufrieden feststellt: "Es hätte Ludwig gefallen, was wir machen."

Morgen um 20.30 Uhr in der Münchner Muffathalle; Karten: 089/ 54 81 81 81.

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