Heilige Monster der Massenkultur

- Diven sind aktuell. Vor zwei Jahren versuchte eine Ausstellung im Lenbachhaus anhand des Themas der "verletzten Diva", unsere kulturelle Moderne symbolisch auf den Punkt zu bringen. Jetzt ist bei Schirmer/Mosel ein opulenter Bildband erschienen, der die Diva auch theoretisch grundiert: "Die Diva. Eine Geschichte der Bewunderung" hat die Autorin, die Zürcher Amerikanistin Elisabeth Bronfen, die auch die Bilder auswählte, ihren gemeinsam mit Barbara Straumann verfassten Band genannt.

<P>Mancher, der hier als Diva firmiert und mit einem eigenen, gut recherchierten und mit originellen Beobachtungen aufwartenden Aufsatz bedacht wird, dürfte für Überraschung sorgen: Elvis Presley zum Beispiel oder auch Joseph Beuys. Aber je intensiver man nachdenkt, je genauer man die abgedruckten Bilder betrachtet, um so einleuchtender wird die Auswahl. Denn was genau ist eine Diva? Es sind die heiligen Monster des Starsystems der Massenkultur. Bronfen definiert sie als "Unfall im Mythensystem der Stars". Damit gemeint ist die Beobachtung, dass bei den Diven öffentliches Image und Privatperson nicht mehr zu trennen sind, dass der Ausnahmecharakter dieser besonderen Stars gerade darin besteht, dass sie so sind, wie sie scheinen: "Die Diva - so die kühne Spekulation - kein bloßer manipulierter Kunstkörper."</P><P>Dadurch, dass persönliche Geschichte hier vom Star-Image nicht zu trennen ist und die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Leben unkenntlich wurde, "verschränkt sie ihren zeichenhaften Kunstkörper mit existenziellem Schmerz".</P><P>So erscheint die Diva "einem Spiegelkabinett vergleichbar, in dem ein Bild endlos reproduziert wird und der Körper, der diesen Spiegelungen als Ausgangspunkt dient, von seinen Reproduktionen nicht mehr unterscheidbar ist." Tatsächlich: Ob Maria Callas oder Marilyn Monroe, ob Elvis oder Andy Warhol, ob Rita Hayworth oder Evita Peron - in all diesen Fällen geht ihre Macht über die Massen mit spürbarer Verletzlichkeit und persönlichem Leiden einher. Diese unberechenbare Kombination ist es, die die Diva erst zu einer macht und von beliebiger "Berühmtheit" unterscheidet.</P><P>Diven, so erfährt man weiter, sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, ein Produkt der neuen Massenkultur mit ihren spezifischen Helden, den Stars. Zur Diva zu werden, das war eine von mehreren Möglichkeiten der Selbstinszenierung. Da in Bronfens Buch auch eine Figur wie der bayerische "Kini" Ludwig II. vertreten ist, der sich fast völlig vor der Öffentlichkeit zurückzog, fragt man sich freilich, ob diese popkulturelle Erklärung wirklich die letzte Antwort zum Phänomen ist. Denn Diven gibt es auch in der Intimität des Privaten. Heute, das zeigt Bronfen abschließend anhand von Cindy Sherman und Madonna, funktioniert dieses Inszenierungsmuster jedenfalls nicht mehr. Mit schönen Bildern lockt der Band und mit interessanten Fragen.</P><P>Rüdiger Suchsland </P><P>Elisabeth Bronfen/Barbara Straumann: "Die Diva - Eine Geschichte der Bewunderung"; Verlag Schirmer/Mosel, München; 224 Seiten, 49.80 Euro</P>

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