Heimat gesucht

- "Die Uhr lief im Kreis." So beginnt Stefan Eikermann 1998 seine Kleinbildserie "Heimat - ein Epilog". Die klamme, leere dörfliche Tristesse auf Eikermanns langer Fotostrecke sucht eine Geschichte - der Fotograf schreibt sie lesbar in den Vordergrund. Nicht viele Künstler der Jubiläumsschau zu "10 Jahre Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung" im Fotomuseum des Münchner Stadtmuseums demonstrieren dem Betrachter derart offen und deutlich den größten Joker der so genannten Dokumentarfotografie: die Illusion.

Aber alle kennen ihn. Ob Albrecht Tübkes (Preisträger 1997) "Jugend"-Porträts als unwirklich naher und doch professioneller Anti-Hochglanz des Leipziger Stadtrandes, Ulrich Geberts (2003) theatrale Kriegsserie "Sie und wir" als rätselhaft beklemmendes Fremdszenario oder Christoph Holzapfels (2001) fünf Videoprojektionen einer Berliner-Mauer-Brache als nur mehr verstummte Waise ihrer bewegten Vergangenheit.

Wenn man anhand der 20 in den letzten zwölf Jahren von der Stiftung ausgezeichneten Künstler eine Entwicklung innerhalb der Dokumentarfotografie festmachen will, dann sicherlich diese: dass sie vermehrt neben der aufzeigenden Ebene auch über eine aufzeichnende Ebene verfügt und neben dem Sichtbaren das Zu-Sehende erfasst, dass sie zum Geplanten das Beiläufige gesellt - und in allem nicht zuletzt auch noch mit talentiertem Spaß sich selbst dokumentiert.

Psychothriller in Bildern

"Wahrscheinlich heißt es einfach, etwas zu konstruieren, eine Geschichte zu inszenieren", meint Espen Eichhöfer (2001). So wie er es in seiner zwölfteiligen Arbeit "Das Pfeifen im Walde" getan hat, indem er auf der Suche nach seiner eigenen, wahren Heimat etwas wie einen Psychothriller in Bildern entdeckt hat. Die aktuell in der Kunst viel gesuchte Heimat, sie ist ein wichtiges Thema auch dieser Schau. Und die fotografische Erinnerungsarbeit geht Hand in Hand mit Aufräumarbeiten an Klischees, etwa in Julia Sörgels (1994) sanftem, doch ausdrucksstarkem Zyklus "Rasborka, deutsche Aussiedler aus Kasachstan". "Die Auseinandersetzung mit realen Lebenswelten", so definiert die Stiftung das Sujet ihres Förderpreises.

Alle Preisträger sind Absolventen deutscher Hochschulen, deren Abschlussarbeit bei der Vergabe noch nicht länger als zwei Jahre zurücklag. 1994, 1997, 1999, 2001 und 2003 wurden bisher jeweils vier gleichwertige Preise à` 10 000 Euro zur Verwirklichung eines Projektes vergeben, welches dann auf einer nach zwei Jahren folgenden Schau präsentiert wurde. Zur Retrospektive hängen im Münchner Fotomuseum rund 150 Arbeiten, die ihre Serien als aussagekräftige Ausschnitte repräsentieren.

Der vor einem solchen Fantasiespektrum wahrhaft bieder klingende Ausstellungstitel "Zeit Raum Bild" passt sich dem Untertreibungs-Trugbild nur an. Letztlich liegt es am Betrachter, im raffinierten Stadt-Land-Fluss-Spiel der Dokumentarfotografen mehr als nur Zeit, Raum und Bild zu sehen.

Bis 10. September. Di.-So. 10-18 Uhr. Info: 089/ 23 32 23 70, www.stadtmuseum-online.de.

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