Amüsantes Spiel mit Klischees

Die Heimat im Zuhause

München - Was haben Bergleute aus dem Ruhrpott und bayerische Bäuerinnen gemeinsam? Im Prinzip nicht viel. Aber: Ihre Kinder erinnern sich an die Berufe ihrer Vorfahren und machen ein neues Geschäft daraus. Immer öfter greifen junge Designer Traditionen ihrer Heimat auf und interpretieren althergebrachtes Handwerk neu.

„So zeigen die oft jungen Designer die Verbundenheit mit ihrer Herkunft“, sagt Nadine Philipp von der Messe Frankfurt, die die Einrichtungsschau Ambiente ausrichtet. Die Designer konzentrierten sich wieder auf den Ort, an dem sie leben.

Was vor zehn Jahren mit „Heimat“-Schlüsselanhängern und Taschen in der Modeszene begann, wird jetzt bei handgefertigten Möbeln und Wohnaccessoires weitergeführt: Heimatmotive kommen als wandelbare Bauernstühle in die Wohnung oder als schillernde Hirschköpfe an die Wand. Das neue Wohngefühl sei eine typische Gegenreaktion der Branche, gerade weil das Thema Heimat in unserem Alltag keine große Rolle mehr spiele, erklärt Wohnexpertin Katharina Semling aus Oldenburg. „Dabei spielen sie mit Klischees und entwerfen Möbel und Deko, die oft überzogen wirken.“ Kuhglocken als Dekoelement für die Wand, karierte Bettwäsche, riesige Gemälde mit Jagdmotiven und Nachbildungen vergilbter Schwarz-Weiß-Fotos der Familie auf Möbeln und Kleidung.

Das Unternehmen Eberle & Osterried aus Pfronten parodiert in seiner Kollektion „Allgäu-Lounge“ das Heimatgefühl mit poppig-plüschigen Hirschköpfen aus Holz oder Kunststoff in Pink und Grün bis hin zu Silber und Gold. Die Trophäen taugen als Zierde für die Wand und halten auch Schlüssel und Schals. Einige Designer erfinden sich mit Hilfe der traditionellen Inspiration aber auch neu. Das Designerpaar Juliane Böttcher und Christian Hirsch aus München verbindet mit seinen Möbelkollektionen „Steckling“ und „Sprössling“ den traditionellen Bauernstuhl aus dem Bayerischen mit schlichten, zeitlosen Formen. So entstehen Sitzmöbel mit auswechselbaren Lehnen, die Hocker und Stuhl in einem sind. Der Düsseldorfer Designer Moritz Wenz entwirft Taschen aus robustem Rindsleder mit rostfreien Nieten und verchromten Messingverschlüssen. „Um ein langlebiges Produkt zu entwickeln, wollte ich auf Nähte verzichten, und so kam die Niettechnik aus Bergbau und Schwerindustrie zum Einsatz“, sagt er. Wenz identifiziert sich stark mit seiner Heimat und will mit seiner Kollektion „Flöz“ „historische Facetten des Ruhrgebiets in die Welt tragen“.

Den Designern ist auch gemeinsam, dass sie auf traditionelle Handarbeit setzen. „Und sie bedienen sich dabei alter Techniken wie der Niettechnik oder dem Siebdruck“, fügt Semling hinzu. So gibt es zum Beispiel Paravents aus Plexiglas, die mit kunstvoll verwebten Wollfäden durchzogen sind. Das Heimatgefühl hat mittlerweile fast alle Lebensbereiche erreicht. „Deshalb sind seit einigen Jahren auch Vintage (alte Originalmöbel, Anm. d. Red.) und Ethno stilprägende Strömungen im Design und in der Mode“, erklärt Claudia Herke vom Stilbüro bora.herke in Frankfurt. Der Trend in der Wohnung gehe weg vom sterilen Purismus und hin zur Inszenierung des Lieblingsstücks - was auch eine Form des Heimatgefühls spiegele. „Man will die Herkunft der Dinge wieder sehen“, betont Herke. „Und so wird auch das alte Buffet der Oma inmitten einer modernen Einrichtung zum Hingucker.“ Die individuellen Stücke erzählen zudem eine Geschichte.

Besonders in unsicheren, schnelllebigen Zeiten komme eine Heimatwelle auf, erläutert die Designerin und Autorin Juliane Gruber aus Zürich. Die Designer bedienten sich immer dann dieser Mittel, wenn sie ihrem Produkt entweder mehr Authentizität verleihen oder aber bestimmte Empfindungen hervorrufen wollten. Dabei gebe es mehrere Arten, das Heimatgefühl für den Gestaltungsprozess zu nutzen: plakativ oder indirekt. „Das findet dann seinen Ausdruck in schweren Eichentischen oder aber leichten mobilen Möbeln für moderne Stadtnomaden“, erklärt Gruber, die sich in ihrer Diplomarbeit mit dem Heimatdesign auseinandergesetzt hat. Dem übergeordnet sei der Wunsch nach Beständigkeit und Langlebigkeit eines Produktes. „Ein Objekt, was schon eine Geschichte mitbringt - wie die Taschen von ,Flöz‘ -, hat große Überzeugungskraft, denn man kauft eine Identität und nicht nur ein Produkt“, sagt Juliane Gruber.

Im Grunde schmücken sich viele Menschen mit einer fremden Identität und erschaffen sich so eine Heimat, die sie in ihrer Wohnungseinrichtung und im Kleidungsstil ausdrücken.

Anne Gottschalk

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