Heimatabend in Wikipatria

München - "Pack' ma's!", sagt der Mann auf der kleinen Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, gelbe, Jägermeisterhirsch-verzierte Krawatte und gelbe Papiertüte trägt er. Ottfried Fischer (Jahrgang 1953) hat gerade noch auf dem Trottoir der Haimhauserstraße Bekannte wie Willy Michel oder Olivia Pascal begrüßt, jetzt erklärt er: "Es pressiert." Schlägt einen verbal-bairischen "pressiert"-Salto und umtänzelt dabei den Sir Quickly aus der Serie "Irgendwie und sowieso", die ihn als Schauspieler berühmt machte.

"Wo meine Sonne scheint": Ottfried Fischer stellt in der Lach & Schieß sein neues Kabarett vor

Das ist der einzige Filmschlenker, denn einzig der Kabarettist Fischer hat zur Premiere geladen: nach 14 Jahren ein neues Brettl-Projekt namens "Wo meine Sonne scheint. Das Programm zur Heimat".

Diese Verquickung von Otti-Besonderheiten lockte Promis in den "Laden": von Sunnyi Melles bis Alexander Liegl, von Dieter Dorn bis Klaus Peter Schreiner ­ und sie wurden nicht enttäuscht. Zunächst dröhnt Catarina Valentes deutsche Version von "Island in the Sun" scheppernd auf die Premierengemeinde hernieder. Und mit einem Assoziations-Sprühregen stimmt Fischer, noch ein bissl wirr, auf sein Thema Heimat ein. Um später geschickt mit einer Schlagertextanalyse vom deutschen Traum der 50er und der amerikanischen Aussage von Harry Belafonte historisch-politische Bitterstoffe in den süßen Cocktail zu träufeln.

Man spürt, wie der Mann es genießt, hinter seinem Tischchen hervor ein intellektuelles Feuerwerk abzubrennen, aus dem Paradieseszustand einen "Zwei-Komponenten"-Heimatbegriff zu entwickeln: Flucht und Vertreibung. Wie er es liebt, mit Paradiesschlangen-gefährlichen Satzmonstern à la Heidegger seine Hörer zu verblüffen, die er munter von der Bühne herunter mustert. Zugleich bleibt er der alte Kabaretthase, der, obwohl fast unbeweglich sitzend, doch die Lacher nur so herauskitzelt. Das geschieht mit irrwitzigen Storys. Etwa die, die sich vom Paradies-Paar zum Schnäppchen-jagenden Paar von heute spinnt. Das kommt gerade durch seinen Sparfimmel in die größten Kalamitäten ­ nicht nur weil die Frau im Safaripark den Rüssel eines neugierigen Elefanten mit dem Autofenster festklemmt.

Den Lach-Sturm besänftigt Fischer später mit Platons Höhlengleichnis. Aber da spricht er längst als "Experte für originäre Heimatformen" zu uns, der in dieser Funktion neben zahlreichen anderen Interessensvertretern in einer Kommission sitzt, die ein "Bundesheimatschutzgesetz" berät. Der Herr mit der gelben Krawatte ist als ehemaliger "Bierzeltkomiker Blacky Blanco, der Gaudi-Gigant," naturgemäß kompetent für das "Grundrecht auf Heimat". Zumal er auch Veranstalter volkstümlicher Musikabende ist.

Damit tut sich für den Kabarettisten ein weites (Schlacht-)Feld auf. Er kann die Volkstümelei ("Tatbestand des Betrugs") genüsslich unterpflügen und hat in den Kommissionsmitgliedern vom Kirchenfunkredakteur bis zum FDP-Mann allerhand ertragreiche Rollen.

Auch wenn Ottfried Fischer kein primär politisches Kabarett, sondern eher ein Philosophisatyricon anstrebt, haut er doch bisweilen den Politikern auf die Pratzen ("Köhler fällt unter die Nestbeschmutzerklausel") und erforscht listig das altneue Links-Rechts-Spiel. Sehr schlechtes Zeichen für die bayerische Politprominenz: Sie ist kaum der Rede wert.

Am schönsten ist Fischers Idee von Wikipatria: ein virtuelles Heimatmuseum, das man sich selbst einrichtet. Man tritt da z.B. unter einem "wollenen Himmel", der Strickjacke von Helmut Kohl, ein und besucht verschiedene Zimmer. Unter anderem den "Courage-Raum" mit der kühnen Bambi-Verleihung an Scientologen... Am Ende des Programms wird Ottfried Fischer persönlich, leidenschaftlich. Die Welt als Heimat für alle Menschen ist ihm ein Herzensanliegen. Nicht nur dafür wird er bejubelt.

Weitere Aufführungen:

bis 14. Juni, 17.-21.6., Tel. 089/ 39 19 97.

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