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Gelassen erduldet Heinz Rudolf Kunze den Fototermin: „Ich bin gar kein geborener Provokateur“, sagt er in unserem Gespräch. „Und trotzdem waren und sind meine Lieder schon immer an-, im schlimmsten Fall aufregend.“ Davon kann man sich nun auf Kunzes neuem Album überzeugen.

Interview

Heinz Rudolf Kunze: „Ich bin eine deutsch-deutsche Existenz“

München - Heinz Rudolf Kunze über sein neues Album „Deutschland“, seine Hilfe für Flüchtlinge und die Privatisierung des Betens

Eine Reihenhaussiedlung in Hannover, links zwei Baustellen, rechts geparkte Autos. So sieht das Cover von Heinz Rudolf Kunzes neuem Album „Deutschland“ aus, das am Freitag erscheint. „Ich wollte darauf keine Extreme wie Berlin-Kreuzberg oder München-Grünwald zeigen, sondern eine normale Straße, in der die schweigende Mehrheit, der Durchschnitt wohnt. In so einer bin ich in Osnabrück aufgewachsen“, sagt der 59-Jährige. Der Rockpoet singt differenziert von seiner Heimat – und spricht mit unserer Zeitung darüber.

„Willkommen, liebe Mörder“ heißt ein Lied Ihres jüngsten Räuberzivil- Albums. Es wird derzeit von Pegida instrumentalisiert...

Man kann sich seine Hörerschaft nicht immer aussuchen. Bei so einer Überschrift läuft man natürlich Gefahr, missbraucht zu werden. Dabei ist das Lied von 2014 nur ein Wiederaufgreifen der alten Parabel von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ – und keinesfalls eine Verteufelung und Verdächtigung von Flüchtlingen.

Was tun Sie dagegen?

Ich habe auf Facebook erklärt, dass ich damit nichts zu tun habe. Mehr kann ich eigentlich nicht machen. Ich spiele das Lied trotzdem, aber muss es – was ich hasse – vorher erklären, um Missverständnisse auszuräumen.

Klar, nach den Silvestervorfällen wie in Köln...

Man darf doch auch nicht alle Flüchtlinge in einen Topf werfen. Ich finde, es gibt schützenswerte Menschen aus Kriegsgebieten, und es gibt Leute, die keinen Asyl-Anspruch haben oder sich nicht an die Spielregeln halten. Um die einen muss man sich kümmern, die anderen zurückschicken.

Sie sind selbst ein Flüchtlingskind, Ihre Familie stammt aus dem ostdeutsch-polnischen Guben, ist in den Westen gegangen und dort mit Ihnen oft umgezogen. Wie wurden Sie damals empfangen?

Regional ganz verschieden. Die erste Lehrerstelle meines Vaters war – wie ich auf der neuen Platte besinge – in der Alten Piccardie, einem kleinen Bauerndorf an der holländischen Grenze. Die dortigen Moorbauern, die man gern als stur und unzugänglich bezeichnet, waren voller Neugier und Gastfreundlichkeit. In anderen Teilen dagegen wurden wir ziemlich abgelehnt.

Wo ist Ihre Heimat?

Eine Heimat in dem Sinne habe ich nicht, dafür bin ich zu oft verpflanzt worden. Ich habe nur eine Herkunft. Und Wohnsitze. Meine Heimat ist eigentlich der gesamte deutsche Sprachraum. Ich bin wie Biermann eine deutsch-deutsche Existenz.

Dennoch singen Sie jetzt, „so einfach ist es nicht, dieses Land zu lieben“. Warum?

Denken Sie doch an all die großen Künstler, Intellektuellen und Wissenschaftler, die aus diesem Land vertrieben wurden und es sich von außen ansehen mussten. Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Thomas Mann. Ich würde nie ein Lied machen mit Plattitüden wie „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“. Im Gegenteil: Die anregendsten Deutschen waren jene, die sich gerieben haben an ihrer Heimat.

Ist Ihre eigene Geschichte Grund, dass Sie heute selbst Flüchtlingen helfen und für sie Instrumente sammeln?

Genau, wir haben schon über 600 Instrumente zusammenbekommen und mit Hilfe der Johanniter verteilt, was mich sehr freut. Es haben sich sogar pensionierte Musiklehrer gemeldet, die den Flüchtlingen nun Gitarre spielen beibringen.

Sind Instrumente wirklich das Wichtigste, was Flüchtlinge derzeit brauchen?

Ich finde, dass Langeweile eine große Bedrohung darstellt, wenn so viele Leute auf engem Raum eingepfercht sind und ungewiss auf ihr Schicksal warten. Dann flippen sie nur aus, kommen auf dumme Gedanken. Man muss sie doch auch kreativ beschäftigen. Ihnen Dienst- statt Sachleistungen anbieten. Es ist vielleicht nicht die Lösung aller Probleme, aber auf jeden Fall gut gemeint. Letztlich bin ich nur Musiker und nicht schlauer als das Kanzleramt.

Wobei: Auf Ihrer neuen Platte bieten Sie einen Lösungsansatz für Terror, Fanatismus: die Privatisierung des Betens.

Das ist und bleibt natürlich ein frommer Wunsch. Utopie. Keine Religionsgemeinschaft wird sich mit diesem Gedanken anfreunden. Aber ich glaube schon, dass sich zumindest einige Spannungen auf der Welt auflösen würden, wenn Religion nur noch in den eigenen vier Wänden erlaubt wäre.

Ihr Album bietet jedenfalls wieder Diskussionsstoff...

Dabei bin ich gar kein geborener, leidenschaftlicher Provokateur. Und trotzdem waren und sind meine Lieder schon immer an-, im schlimmsten Fall aufregend. Mich wundert es, wie relativ wenige Kollegen sich an solche Themen heranwagen. Das ist doch eine unserer Hauptaufgaben. Es gibt ganz viele Sänger, die in politischen Talkshows Stellung beziehen, aber in ihren eigenen Texten Berührungsängste haben.

Sie werden heuer 60. Das letzte Lied der Platte handelt von einem alten Künstler, der aufhört. Müssen wir uns Sorgen machen?

Der besungene Zauberer träumt davon, bei Ausübung seines Berufes vom Blitz oder vom Schlag getroffen zu werden. Das liegt mir noch fern. Also ich würde es gern länger treiben.

Das Gespräch führte Marco Mach.

Heinz Rudolf Kunze spielt am 15. Oktober 2016 im Münchner Technikum; Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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