Heiße Körperverschmelzung

- Geboren wurde er in Kuba, so um 1835 - der Ur-Tango. Mit großen Zukunftsaussichten begabt, denn mit schwarzen kubanischen Matrosen gelangte er nach Montevideo in Uruguay, wurde ab 1860 schon "à la francesca" in enger Umschlingung getanzt, hieß bald Milonga und, weitergewandert nach Brasilien, auch Maxixe, bis er ab 1880 in den Hafenkneipen und Bordellen von Buenos Aires wieder als Tango auftauchte. Der Rest, die Salonfähigkeit über Paris etc., ist bekannt? Nicht ganz. Denn 2000 beginnt noch einmal ein neues Kapitel mit Mel Howards "Tango Pasió´n" und dem weltberühmten Sexteto Mayor. Auf höchste Perfektion frisch zugeschliffen wird die Show jetzt offensichtlich Münchens Sommer-Hit im Prinzregententheater.

Großartiges Orchester

Eine klitzekleine Spur zu groß ist (noch?) die Bühne für den ersten Akt in der Tanzbar. Die glühenden Augenflirts zwischen den Beine-flitzenden und hingeschmachteten Tango-Nummern, die unverblümte Anmache oder der launige Wechsel zum nächsten Partner, das braucht intime Atmosphäre. Die war im Deutschen Theater vor fünf Jahren gleich dichter. Dafür kommt hier das Orchester, über die ganze Breite der Bühne aufgebaut, optisch und klanglich noch besser zur Geltung. Ach, wenn doch Tanz immer solch einen musikalischen Vollblut-Partner hätte! Denn Tango heißt bei Choreograph Hector Zaraspe ja nicht einfach nur Tango, sondern - Tanz global. So wie die Tangomusik sich an Habanera, Mazurka und Polka, an Jazz und schwebender Tonartzugehörigkeit inspirierte, genauso frei kombiniert Zaraspe hier geradezu heißhungrig die typische Körperverschmelzung mit Hebungen und kreisenden Bodenfiguren aus Ballett, Eiskunstlauf und Varieté-Artistik. Er wagt, und es gelingen ihm blendend Männer-Duette und -Ensembles (das "Billard"-Spiel) und Tango-Affären zu dritt und zu viert. Und die zwölf Tänzer servieren das einfach virtuos. Glamour, Eleganz, Erotik oben, während es Taille abwärts hüftig kreiselt, jetset-trippelt, "caprioles" schlägt, ja dieses rasante Bein-Gehakel schon den martialischen Künsten Konkurrenz macht. Wobei die "Tanzwerkzeuge" der Damen dann doch wieder vom hervorblitzenden Oberschenkel bis zum geschwungenen Fußspann in der hochhackigen Sandalette süffige Augenweide bleiben.

Die nicht mehr ganz so jungen Semester sind genau so fit. Omar Mazzei und Viviana Fortino, seit 16 Jahren zusammen (pst: seit kurzem auch verheiratet), fetzen ihre "Beschwipst"-Nummer aufs Parkett, als wären sie zwanzig. Jeder ist hier ein Original. Osvaldo Ciliento: ein Tango-Gentleman von hochmusikalischer Eleganz. Und Juan Corvalan: Seine Ausdruckskraft, seine von innen heraus flammende Energie geht weit über das Tangotanzen hinaus. Schon bei seiner "Tanguera" mit Luciana Pontoriero hängt man voll an der Tango-Droge.

Die acht Musiker - nach José´ Libertellas Tod nun mit Walter Rios als Leiter -, servieren mit höchster Könnerschaft die ganze Tango-Palette, vom lieblichen Ballhaus-Schlager bis zu den virtuosen Ausflügen in die Klassik hinein und natürlich dem herben "tango nuevo" Piazzollas. Piazzollas melancholisch harte, stoßende Bandoneon-Rhythmen, die darüber süß oder herb spielenden Violinen hat man noch lange auf dem Nachhauseweg im Ohr.

Bis 21. 8., 20 Uhr, Karten 089/54 81 81 81.

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