Nur heiße Luft

- Sie schnappen nach Luft, 75 Minuten lang. Er, Sie und der DJ, das sind Angehörige einer Generation, "die in der vergifteten Luft Sauerstoff suchte, auf deren Köpfe aus dem kalten Kosmos ein riesengroßer, ständig schneller werdender Meteorit zugeflogen kommt". Vielleicht stehen die Schauspieler deshalb so unter Dampf, dass sie fast hyperventilieren in Iwan Wyrypajews Sprachkunstwerk "Sauerstoff".

<P>Barbara Weber inszenierte es in der Reihe "Autorenwerkstatt" im Neuen Haus der Kammerspiele - und sorgte leider dafür, dass sich all seine kostbaren Moleküle verflüchtigten und nichts übrig blieb als heiße Luft.<BR>"Sauerstoff" ist inhaltlich die Antwort auf den Kieslowski-Dekalog "Die Zehn Gebote" im Schauspielhaus. </P><P>Geht es dort um die Gebote des Alten Testaments, so beginnt hier jede Szene mit ihrer revolutionären Neudeutung in der Bergpredigt des Neuen Testaments. Von der rechten und der linken Wange ist da die Rede, vom Richten und Gerichtetwerden, vom Baum mit den guten und den schlechten Früchten. Viele Bilder, verschlüsselte Dialoge - ein fast lyrischer Text, der sich zwischen zwei Polen bewegt: dem Sex und dem Gewissen, manchmal gleichgesetzt mit dem Götzen und dem Göttlichen. Und als Grundmetapher für das Leben und die Freiheit durchweht der Sauerstoff das Stück. </P><P>Formal hat Wyrypajew das alles in zehn Lieder verpackt: Strophe, Refrain, Finale. Allzu naheliegend, Oliver Mallison und Cristin König quasi als Popstars auf die Bühne zu stellen und dem DJ Arvild Baud die Dauerbeschallung zu überlassen. Brüllen, Zetern, Nölen, Nuscheln, in Russenpelz und Discofummel, Musikgewaber, fliegende Fische und Früchte aus Plastik: verzweifeltes, kunstloses Chaos. Und seltene stille Momente, die zeigen, dass Regieteam und Schauspieler die Musikalität dieses Textes überhaupt nicht verinnerlicht haben. 75 erstickende Minuten, die ein Spaziergang an der frischen Luft junger Dramatik hätten sein können.</P>

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