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Seine Vorliebe für Tattoos wurde ihm zum Verhängnis: Bariton Evgeny Nikitin musste den Bayreuther „Holländer“ offenbar auf Druck der Festspielleitung absagen. Für ihn springt nun der Koreaner Samuel Youn ein.

Mit heißer Nadel

Erfolgreiches Krisenmanagement oder übereilige Vorverurteilung? Die Affäre um den Sänger Evgeny Nikitin, der offenbar auf Druck der Bayreuther Festspielleitung den „Fliegenden Holländer“ abgesagt hat, birgt einige Merkwürdigkeiten.

„Hakenkreuz-Träger singt Holländer“, eine solche Schlagzeile wollten Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier den Festspielen und vor allem sich ersparen. Als am vergangenen Freitag eine große deutsche Boulevardzeitung einschlägig zu recherchieren begann, als auch das ZDF-Magazin „Aspekte“ am selben Abend ein Kurzporträt über Evgeny Nikitin und seine Tattoo-Vorlieben zeigte und die Wagner-Halbschwestern mit wachsendem Entsetzen vor dem Fernseher saßen, da siegten schließlich Angst und Bedenken.

Am Samstagvormittag, nur wenige Stunden vor der Generalprobe, wurde der Bariton daher von den Bayreuther Chefinnen zum Gespräch ins Festspielhaus gebeten. Das Ziel: Nikitin sollte offenbar zur Absage bewegt werden. Bei einem Rausschmiss hätte man ihn komplett auszahlen müssen, überdies wäre die Sache womöglich vor Gericht gelandet. Der Russe, von Bekannten trotz des martialischen Erscheinungsbildes als „emotional und verletzlich“ beschrieben, warf prompt hin und reiste sofort ab. Kollege Samuel Youn übernahm um 18 Uhr die Generalprobe. Und die lief so gut, dass der Koreaner nun auch die von Christian Thielemann dirigierte Premiere an diesem Mittwoch singt. Die Festspiel-Eröffnung demnach gerettet?

Was Nikitin vorgeworfen wird, liegt schon einige Jahre zurück, als er in einer Heavy-Metal-Band spielte, und ist heute zum Teil gar nicht mehr sichtbar. Damals ließ sich der Russe ein Hakenkreuz auf die rechte Brustseite tätowieren. Nach einiger Zeit wurde darüber ein anderes Symbol gestochen, ein großer bunter Stern. Eine Art Jugendsünde war dieses Hakenkreuz, wie es der 38-Jährige heute darstellt. „Ich bin mir bewusst, dass die Verbrechen, die in Nazi-Deutschland verübt wurden, zu den schrecklichsten Verbrechen gehören, die je verübt wurden“, äußerte sich Nikitin in der „Bild am Sonntag“. Und: „Es war mir nicht klar, dass die Symbole, die ich als Tattoos trage, in Zusammenhang gebracht oder sogar von Nazis oder Neonazis benutzt werden können.“ Neben dem Hakenkreuz ließ sich Nikitin noch zwei Runen stechen. Für ihn, so der Sänger heute, hätten diese Zeichen allerdings keine politische, sondern nur eine „spirituelle Bedeutung“. Er sei nie Teil einer politischen Partei gewesen.

Was von den Bayreuther Festspielen am Wochenende als Notbremse in letzter Minute dargestellt wird, hat allerdings eine mehrtägige Vorgeschichte: Schon am vergangenen Mittwoch war die Hauptprobe zum „Fliegenden Holländer“. Traditionell sind dazu Foto- und Fernsehjournalisten zugelassen. Doch Aufnahmen von Nikitin wurden von der Festspielleitung nicht freigegeben. Offenbar bereitete Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier schon zu diesem Zeitpunkt die Personalie Nikitin Bauchgrimmen. Von Eva Wagner-Pasquier wird zudem berichtet, sie habe sich an den Zeitungsberichten über den Ex-Rocker und seine Tattoos gestoßen: So etwas könne der Bayreuther Außenwirkung schaden.

Und gerade darauf achten die beiden Halbschwestern seit ihrem Amtsantritt im Jahre 2008. Bayreuth, einst das Mekka der braunen Denker und Politiker, soll endlich und umfassend seine Vergangenheit aufarbeiten, das ist das Credo der Chefinnen. Katharina Wagner kündigte dazu eine wissenschaftliche Untersuchung an. Ihre eigene „Meistersinger“-Inszenierung thematisierte die Bayreuther Historie, ebenso die dortige, in ihrer intellektuellen Vielschichtigkeit brillante „Parsifal“-Deutung von Stefan Herheim.

Wovor die Halbschwestern bislang aber zurückschreckten, das sind konkrete Aussagen zu ihren eigenen Familienmitgliedern: Nicht nur Winifred Wagner, auch Wieland und Wolfgang Wagner waren Adolf Hitler nahe. Und dass Katharina Wagner überdies einmal äußerte, sie könne sich eine Zusammenarbeit mit der Band Rammstein vorstellen („Ich bin eine große Verehrerin“), passt ebenfalls nicht ins Bild und fällt nun – im Angesicht der Affäre Nikitin – auf sie zurück: Rammstein gelten zwar als geläutert, mussten sich aber früher mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie verharmlosten die NS-Zeit.

Viel deutet darauf hin, dass Evgeny Nikitin, der an anderen Häusern wie der Bayerischen Staatsoper gern gebucht wird, gar keine Chance zur Reaktion eingeräumt wurde. Eine mit heißer Nadel gestrickte Reaktion der Festspiele also? „Wir haben ihm Zeit gegeben, sich selbst dazu zu verhalten“, sagte Festspiel-Sprecher Peter Emmerich gegenüber unserer Zeitung. „Die beiden Festspielleiterinnen haben darauf hingewiesen, was diese Tattoo-Geschichte nicht nur in Bayreuth, sondern auch in Deutschland bedeutet.“

Was die beiden Chefinnen vermeiden wollten, ist nun also passiert. Wenige Tage vor dem Start haben die Festspiele ihren Skandal. Leidtragende sind unter anderem die Beteiligten der „Holländer“-Produktion. Die „künstlerische Beschädigung der Inszenierung“ sei selbst nach Einarbeitung des Ersatz-Sängers immens, sagte Regisseur Jan Philipp Gloger. Es sei fraglich, ob der Ausfall Nikitins bis zur Premiere aufgefangen werden könne. Dirigent Christian Thielemann hüllt sich dagegen in Schweigen. Er bitte um Verständnis, dass er nichts sagen könne, ließ er auf Anfrage wissen. Nikitins näheres Umfeld ist fassungslos. „Er wird als Nazi hingestellt, was er beim besten Willen nicht ist“, sagte sein Medienbeauftragter. „Die, die ihn kennen, verstehen das alles nicht.“

Von Markus Thiel

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