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Des Grieux als Konstrukteur der New Yorker Freiheitsstatue: Hier Thiago Arancam mit Norma Fantini als Manon Lescaut.

Heißes Hirn und kaltes Herz

München - Es ist Wagner-Jahr, und was macht der Experte für diese Musik? Dirigiert Puccini. Erste Premiere von Christian Thielemann in der Dresdner Semperoper war am Wochenende „Manon Lescaut“ – zumindest im Orchestergraben ein Ereignis.

Sterben muss sie, obwohl (oder weil?) sie ihn so herzinniglich liebt. „Io t’amo tanto – e muoio.“ Und auch er spricht von „ewigen Liebesflammen“, während die Musik ein letztes Mal aufglüht. Auf Knien schmachten sie, halten beide Händchen, doch die gehören Puccini, der zwischen ihnen am Boden liegt. Der Meister ist eben immer dabei. Mit Bärtchen, Melone und Stock, eine stumme Charlie-Chaplin-Version, gern mit der Zigarette im Mundwinkel. Man versteht, der Mann starb ja an Kehlkopfkrebs.

Nur eine Ebene, direkt, unverschnörkelt erzählt, das ist Regisseur Stefan Herheim schon längst zu wenig. Entstehungsgeschichte, historische Einordnung, Wirkungshistorie und, ach ja, Opernhandlung, das verschränkt sich auch hier. Puccini mit allem. Zwei Stunden zwischen Erklärwut, Hybris und totalem Theater. Die technische Abteilung der Semperoper lässt das heißlaufen, manche Hirne auch. Doch die Herzen, das ist das Problem, die bleiben leider kalt.

Für Christian Thielemanns erste Dresdner Premiere am Pult der dortigen Staatskapelle wurde Herheims Grazer Produktion importiert. Per Interview hatte der Regisseur im Vorfeld gegen den Pult-Star gestänkert: Diese Zusammenarbeit habe eher „virtuellen Charakter“. Das mag auf Thielemanns spärliche Dirigate anspielen (nur drei von neun Abenden der Premierenserie), aber auch das Ergebnis fühlt sich so an: Jeder dreht sein Ding.

Thielemann startet mit enormem Druck, gibt, nachdem das an den Anfang versetzte, seidig gespielte Intermezzo vorüber ist, den Antreiber. Sein Puccini lockt zunächst nicht mit betörendem Klangparfüm, er überrumpelt. Ein symphonisches, sattes Furioso. Zumindest im mittleren Parkett ist das laut, und man überlegt, ob die Semperoper da vielleicht zwei, drei Lautsprecher zugeschaltet hat. Dennoch: Der Klang ist nie zu dick, das Melos nie zu druckvoll, das Streicher-Bläser-Verhältnis genau abgeschmeckt. Es kracht schon mal, aber nur an den Aktschlüssen.

Auch Thielemanns Eigenart, an schönen Stellen den verweilenden Bauchmusiker zu geben, ist auf ein Minimum zurückgefahren. Wieder einmal ist seine Übersicht, die Genauigkeit seiner Disposition zu bestaunen. Da gibt es stufenlose Überblendungen, behutsame und natürliche Wechsel von Atmosphären und klanglichen Aggregatszuständen. Und die Staatskapelle folgt ihrem Chef mit einer Hingabe, die schon an Willenlosigkeit grenzt.

Die Sänger, auch das seine Spezialität, werden dabei nie überfahren. Besonders viel gibt es da bei Thiago Arancam auszupegeln. Eine groteske, fürs Haus unwürdige Wahl: Mit dürren, welken Stimmbändern kämpft sich der junge Tenor durch den Des Grieux und wird mit Buh-Salven abgestraft. Wie das wohl passieren konnte? Vertreter für dieses Fach sind zurzeit genügend im Angebot, Manon-Sängerinnen weniger. Das ist der Vorteil von Norma Fantini. Ihr Sopran klingt in der feinen Lyrikzeichnung am schönsten, bei Vollstimme und in Extremlagen tritt er übers Ufer. Am besten schneiden da noch Maurizio Muraro (Geronte), vor allem das Dresdner Ensemblemitglied Christoph Pohl (Lescaut) ab.

Was diese Manon mit ihrem Des Grieux verbindet, warum sie liebestodsehnsüchtig in der Neuen Welt verendet, das wird an diesem Abend nicht deutlich. Zu oft schiebt sich bei Herheim, in dessen Inszenierung gewiss immense Arbeit steckt, die zweite und dritte Ebene vor die Liebesgeschichte. Sein Des Grieux ist Konstrukteur der New Yorker Freiheitsstatue. Die gibt es als Modell, aber auch als fertige Riesenbauteile (Bühne: Heike Scheele).

Das Geschenk der Pariser an die USA wird genutzt, um den Zusammenprall zweier Welten zu zeigen. Hier das zerbröselnde Ancien Régime mit Geronte als Rokoko-Popanz, eine amüsierwütige Gesellschaft, zu der sich Manon zwischendurch hingezogen fühlt, in der aber ihre Liebe zu Des Grieux nicht möglich ist. Und dort, in der Fremde, die Verheißung einer allumfassenden Freiheit. Die geht sogar so weit, dass sich die Figuren von ihrem Schöpfer emanzipieren – bis sich zwischen Manon und Puccini eine heiße Affäre anbahnt.

Auch das muss also, so findet Herheim, erzählt werden: wie sich ein Komponist in seine Arbeit und in sein Personal verliebt, wie er über dieses gebietet, wie diese Figuren irgendwann Selbstbewusstsein entwickeln, sich lösen. Und wie schließlich, auf eine Handbewegung des Maestro, der Spuk beendet wird und die Titelheldin tot zu Boden sinkt. Kluge, imponierende Gedankengebäude. Puccinis Emotionalität, angestachelt noch von Thielemann, läuft da freilich ins Leere. Womöglich hätte man für all das einen anderen Komponisten gebraucht – eventuell Wagner?

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

am 6. und 10. März mit Christian Thielemann am Pult, Termine bis 27. Juni mit Daniel Oren als Dirigent; Karten unter der Telefonnummer 0351/49 11 705.

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