Heiterer Triumph

Berlin - Eigensinnig, lässig und originell: Uraufführung von Hans Werner Henzes Konzertoper "Phaedra".

Vor einigen Monaten starb Fausto Moroni, der Lebensgefährte von Hans Werner Henze. Noch kürzlich hatte er den todkranken Henze gesund gepflegt. Man erwartete nun von dem Tonschöpfer, als er für die Uraufführung von "Phaedra" nach Berlin kam, beinahe ein Requiem. Für jenen Menschen, mit dem er jahrzehntelang zusammengelebt hatte - obwohl der mit Henzes Musik wenig anfangen konnte.

Stattdessen geriet "Phaedra" zu einer mehrfachen Überraschung - und zum fast heiteren Triumph für den 81-Jährigen. Leichthändig wie ein Zauberkünstler, der noch einmal tief in die Trickkiste greift, hatte Henze ein Vexierspiel musikalischer Einflüsse komponiert, die kunstvoll und souverän durcheinander gemischt werden.

Erstes Bühnenbild von Olafur Eliasson

Aus der Königsloge der Berliner Staatsoper huldvoll winkend, ließ sich der greise Henze, fahl und kantig dasitzend wie eine Figur von Max Beckmann, bei der Premiere feiern. Diese "Phaedra", weit entschlussfreudiger und unkonventioneller klingend als seine letzten Werke ("L'Upupa" und die zehnte Symphonie) wirkt endgültig wie ein verklärendes Spätwerk: eigensinnig, lässig und originell. Unbekümmert auch um die Strömungen und Moden um ihn herum. Es soll (wieder einmal) die letzte Oper Henzes gewesen sein.

Mit dem in Berlin lebenden und lehrenden Künstler Olafur Eliasson, bekannt unter anderem durch seine grandiose Lichtinstallation für den Münchner Kunstbau und durch das Sonnen-Projekt "Weather Project" in der Londoner Tate Modern, hatte man einen Bühnenbild-Debütanten engagiert, der Henzes Musik nicht kannte, als er sein Konzept abschloss. Die Bühne endet bei ihm dort, wo sie normalweise anfängt: an der Rampe. Das Parkett ist durch einen riesigen Spiegel, in dem wir uns sehen, vom Bühnenhaus abgetrennt. Das Orchester sitzt hinten - im Rücken des Publikums.

Laser-Seifenblasen, eine astronomische Discokugel, die statischen Licht-Flitter an die Wände wirft, und ein Hippolyt im Spiegeltrichter sind die bizarren Schaueffekte dieses philosophisch überfrachteten, aber doch neuartigen Aufführungs-Designs. Mit der Musik Henzes hat es (vielleicht durch Zufall) gemein, dass auch Henzes Spiegelungen von Messiaen, Wagner und Bach in sich ein Spiel changierender Reflexionen bilden. Man versteht nicht immer, wie das alles zusammenpasst. Und bleibt merkwürdigerweise doch gebannt dabei.

Die Oper war ursprünglich für die Mezzosopranistin Magdalena Koena komponiert worden und musste durch deren Absage ohne den heiß ersehnten Star auskommen. Koena, die sich einer ärzlichen Behandlung unterziehen muss, aber schon wieder gesichtet wurde, will die Rolle zu einem späteren Zeitpunkt übernehmen. Maria Riccarda Wesseling singt nun die Phaedra mit der Begehrlichkeit einer Männerjägerin. Mit John Mark Ainsley - großartig als Hippolyt - und Marlis Petersen als zwitschernde, zirpend eifersüchtige Aphrodite stehen endlich einmal wieder bedeutende, exzellente Sänger im gebeutelten Berlin auf der Bühne.

Lauri Vasar (Minotaurus) und der keifende Axel Köhler als Jagdgöttin Artemis lenken gekonnt vom konfusen Libretto Christan Lehnerts ab. Der lässt die Handlung größtenteils im Wald spielen - von dem man indes wenig sieht. Hippolyt darf nach seiner Ermordung als Waldgott wieder auferstehen. Stört alles nicht. Sogar Regisseur Peter Mussbach, der meist am besten ist, wenn er gar nichts macht, kann durch wenige, aufrechte Gänge, auf die er sich beschränkt, das heterogene Glück des Abends kaum mindern.

Wie ist das alles möglich? Ganz einfach: Durch die Idee einer "Konzertoper" hat sich Henze von vornherein gegen die Labilität seiner Mitstreiter abgesichert. Kaum von der Hand zu weisen ist der Verdacht, der Begriff "Konzertoper" kaschiere nur die Tatsache, dass das Werk nicht ganz fertig geworden sei. Der Komponist gab auf Anfrage zu, sein Opus laviere "zwischen Oratorium und Musikdrama". Es strebe eigentlich in den Konzertsaal. Im Klartext: Henze wünscht sich seine Musik als Hauptakteur und Mittelpunkt des Abends. Ein verständlicher Wunsch. Der Komponist hatte auf diese Weise gleichsam alle Geschäfte in die eigene Hand genommen. Und prompt gewonnen.

Später Klassiker mit Charme

Nach über 20 Opern wird niemand von ihm erwarten, dass er sich als Komponist neu erfindet oder definiert. Noch immer ist seine Musik, hier transparent durchleuchtet vom Ensemble Modern unter Michael Boder, zwölftönig inspiriert. Sein kantabler, farbintensiver Tonfall spannt besonders im zweiten Teil lange Bögen, stiftet musikalischen Sinn, statt wie sonst üblich in Ächzen und Fiepen zu zerbröseln, sodass er gekonnt zu einem musikalischen Erzählstil zurückfindet. Üblich wäre eher das Gegenteil. In einer Phase, wo Gesundheit und Leben ihn fast gebrochen hatten, zeigt Henze erstaunliche Überlegenheit und Charme. Mit "Phaedra" hat er einen späten Klassiker vorgelegt.

Die Handlung

Phaedra verliebt sich in ihren Stiefsohn Hippolyt und verleumdet ihn, als sie auf keine Gegenliebe stößt. Sein Vater Theseus lässt ihn daraufhin töten. Phaedra bringt sich um. Das Libretto stützt sich auf Schillers Übersetzung Racines, verlängert das Drama jedoch um Szenen im Diana-Hain bei Rom, in dessen Nähe Hans Werner Henze heute lebt.

Die Besetzung

Dirigent: Michael Boder. Regie: Peter Mussbach. Bühne: Olafur Eliasson. Kostüme: Bernd Skodzig. Darsteller: Maria Riccarda (Phaedra), Marlis Petersen (Aphrodite), John Mark Ainsley (Hippolyt), Axel Köhler (Artemis), Lauri Vasar (Minotaurus).

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