Held Siegfried ohne Fallhöhe

- Schlag' nach bei Guiness: Bayreuths "Götterdämmerungs"-Publikum war schon konditionsstärker. Über eineinhalb Stunden Orkane nach Patrice Chéreaus letztem "Ring", auch bei Harry Kupfer in den 90ern machten's die Rasenden nicht unter 30 Minuten. Und die Wiederaufnahme der aktuellen Version? Provozierte zu leidlichem Jubel - ein paar Extra-Vorhänge fürs fast geräumte Auditorium, aus. Und nach dieser Deutung von Jürgen Flimm (Regie) und Erich Wonder (Bühne) auch irgendwie vorhersehbar.

<P>Beide mühen sich zwar um Größe, lassen Zivilisten von heute im wie angeklebten Finale zum verheißungsvollen Licht wandeln, beide verdienen Respekt für prägnante Figurenporträts, für eine nachvollziehbare, oft spannende Erzählung. Und für manch eindrückliche Räume, die Querverbindungen zu vergangenen "Ring"-Teilen knüpfen. Zurück bleibt ein Publikum, dem gekonntes Theater geboten wurde, dem das Duo Flimm/ Wonder aber nicht vorführte, warum es sich überhaupt dem Giga-Opus zuwandte. Um routiniertes Handwerk nicht nur auf Strindberg-Mittelstrecke, sondern auch im "Ring"-Marathon zu beweisen?<BR><BR>Zentrales Element der "Götterdämmerung" bleibt das metallene Gittergerüst: Schauplatz der Gibichung GmbH mit eilfertig wuselnden Bürokräften, in die sich Held Siegfried nahtlos als Mitgesellschafter fügt. Christian Franz unterstreicht das auch vokal mit unterschwelliger, gut nuancierter Aggressivität, die sich in erkennende Verzweiflung wandelt. Kein tumber Tor, sondern ein gutbürgerlicher Normalo, der mit Brünnhilde das Liebesduett verfrühstückt, bevor er das - klemmende - Schifferl besteigt. Eine Charakterzeichnung so hübsch wie falsch, szenisch ohne Fallhöhe: Siegfried müsste anfangs das Gegenbild der Gibichungen sein, einer, dessen Naturburschen-Image die längst Domestizierten fasziniert, der erst allmählich in ihre Welt der Habgier hineingesogen wird.<BR><BR>In Schieflage gerät die Aufführung überdies durch eine Neubesetzung. Peter Klaveness, ein hagerer, sportiver-"moderner" Hagen, kann die Gefährlichkeit der Figur nicht stimmlich beglaubigen. Endlich ein Hagen, der nicht nur bellt, sondern singt - dies aber mit zu kleinformatigem Bass. Zum eigentlichen Fiesling avanciert durch die offene Flanke im Figurengeflecht der enorm präsente Gunther von Olaf Bär.<BR><BR>Für Festspiele inakzeptabel: Yvonne Wiedstruck (Gutrune) als forcierende Kreuzung aus Eva Braun und Christiane Hörbiger. Lioba Braun brachte (nur) höhere Mezzo-Regionen zum Leuchten, was sie die tiefen Passagen der Waltrauten-Erzählung kostete. Und eine deutliche Entwicklung zeigte Evelyn Herlitzius: Ihre natürliche, selbst in der Raserei noch mädchenhaft berührende Brünnhilde bleibt ein Gegenentwurf zum Heroinen-Gepose. Die Herlitzius singt nun lyrischer, ohne bewusst platzierte Effekte, gestattet sich weichere, substanziellere Farben im Vergleich zu 2002, als vieles mit flachklanglichem Flackern bestritten wurde.<BR><BR>Langer Jubel für sie - wobei die Vorhangordnung überraschte: Erstmals versammelte sich am Ende des "Rings" nicht das Orchester auf der Bühne. Waren's die häufigen Patzer? Von Unstimmigkeiten mit Dirigent Adam Fischer wird auch gemunkelt, zumal sich beim "Lohengrin" tags darauf die Musiker wie demonstrativ mit Kollege Andrew Davis zeigten. Fischer verdeutlichte zwar die Zutaten des Wagnerschen Leitmotiv-Cocktails, stachelte zu solider Dramatik an, bremste aber auch das musikalische Geschehen in die gefühlsberuhigte Zone herunter. Die einschüchternde Größe der Partitur tippte er lediglich an - womit er zu Flimms Haltung passte.<BR><BR>Der Regisseur, auch ein Novum, kam an keinem "Ring"-Abend. Der Umtriebige mag Salzburger Verpflichtungen nachgehen. Wer aber einen neuen "Ring" mit flotten Sprüchen und PR-Posaune inklusive Bildband wuchtet, sollte auch fürderhin zu ihm stehen.<BR></P>

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