Der Held wird bockig

- Was die Reihe der Harry-Potter-Bände in der Tat über bloße Kinderbuch-Harmlosigkeit hinaushebt in eine Sphäre, die an die griechische Tragödie erinnert: Wie eine ungehobene Bombe schlummert hier eine Katastrophe in der Vorgeschichte, deren ganzes Ausmaß und genaue Umstände der Hauptfigur und ihren Freunden noch immer unbekannt sind.

<P>Im sechsten Kapitel des neuen Bandes steht Harry mit seinem Paten Sirius Schwarz vor einer prächtigen Ledertapete mit dem Stammbaum des "edlen und uralten Hauses derer Schwarz" - und erfährt neue Details darüber, wie der Aufstieg des Dunklen Lords Voldemort eineinhalb Jahrzehnte zuvor nahezu keine Familie der magischen Welt unversehrt gelassen hat.<BR><BR>Der Böse ist zurückgekehrt</P><P>Nun aber ist der Böse zurückgekehrt. Umso schlimmer, dass Zauber-Ministerium und "Tagesprophet" so tun, als wäre nichts geschehen und den einzigen Augenzeugen der schaurigen Wiederkehr diskreditieren - Harry eben. Wenn man erwachsen wird, geht einem manches Sichergeglaubte zu Bruch: In "Harry Potter und der Orden des Phönix" lässt Joanne K. Rowling konsequent ihren Helden den steinigen Weg des Reifens weiter gehen, den er spätestens mit dem düsteren vierten Band der Reihe angetreten hat. Ohne innere und äußere Widerstände geht das nicht, so bockig, gereizt und selbstgerecht, in der Summe durchaus mit unsympathischen Zügen hat man den Teenager bisher nicht gekannt.<BR><BR>Auch anderes scheint sich mit der Veränderung des Helden zu verändern: Manche Figur löst sich aus dem bisherigen Gut-ist-gut-Böse-ist-Böse-Schema heraus oder gewinnt auf andere Art zusätzliche Tiefenschärfe. Allen voran der in seinem Schillern, seiner Uneindeutigkeit ohnehin faszinierendste Charakter der Reihe, Professor Snape. Andere, bisher nicht in Erscheinung getretene Personen, kommen neu hinzu. Luna Lovegood etwa, aus demselben Jahrgang Harrys und seiner Freunde, von Rowling mit subtiler Klarheit zum Leben erweckt.<BR><BR>Bleibt diese bedrückende Vergangenheit, die auch im neuen Band so sehr in der Gegenwart anwesend ist und die Rowling mit großer erzählerischer Kunst in den Schuljahresalltag hineinmontiert, Tragisches und Komisches mit sicherer, zarter Hand miteinander verwebend - bis hin zum wunderbar zwischen Schmerz und Zuversicht schwebenden Ende.<BR><BR>Jedes kleine Detail hat seine Bedeutung</P><P>Wieder zeigt sich in "Harry Potter und der Orden des Phönix", was für eine Tüftlerin Rowling ist: Nahezu jedes kleine Detail, das die Autorin bisher scheinbar beiläufig in die Handlung eingestreut hat, hat seine Bedeutung, die oft viel später offenbar wird. Wer also in den drei vergangenen Jahren bezüglich der Potter-Lektüre enthaltsam war und aus dem neuen Wälzer den vollen Genuss ziehen möchte, dem sei etwas empfohlen, das Zeit kostet, aber immer wieder viel Vergnügen verspricht: sich vor dem neuen Werk noch einmal die ersten vier Bände zu Gemüte zu führen.</P><P>Joanne K. Rowling: "Harry Potter und der Orden des Phönix." Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Carlsen Verlag, Hamburg. 1034 Seiten, 28, 50 Euro. Ab heute um Mitternacht im Handel.</P><P>Die Roman-Handlung<BR>Die Zeichen stehen auf Verunsicherung, noch bevor Harry sein fünftes Schuljahr an der "Hogwarts Schule für Zauberkunst und Hexerei" antreten kann: Schon während der quälend langen Sommerferien bei den Dursleys erreichen den von der Zauberwelt Abgeschlossenen nur nichts sagende Nachrichten seiner Freunde Ron und Hermine - und das, wo doch der böseste aller Zauberer zu neuer Kraft wiedererstanden ist: Lord Voldemort. Da sucht auch noch bedrohlicher Besuch die Spießbürger-Idylle am Liguster-Weg heim.<BR><BR>Was Harry dagegen unternimmt, hat ernsthafte Scherereien mit dem Zauberei-Ministerium zur Folge, immerhin aber auch die verfrühte Abreise aus Little Whinging. Endlich erfährt der junge Mann, was es auf sich hat mit dem geheimnisvollen "Orden des Phönix". Dennoch nimmt auch nach der Ankunft in Hogwarts die Verwirrung kein Ende: Was zeichnet die neue Lehrerin für "Verteidigung gegen die Dunklen Künste" aus außer rosa Strickjäckchen und Schmucktellern mit Kätzchen-Dekor? Mit welcher Absicht nimmt die schöne Cho Chang Kontakt mit Harry auf, warum scheint Albus Dumbledore auf Distanz zu seinem Schützling zu gehen? Und was hat es mit dem langen Gang auf sich, der Harry mit zunehmender Dringlichkeit immer wieder in seinen Träumen erscheint?</P><P>grab<BR></P>

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