Die Helden aus Halle 4

- "Wir sind Helden." Warum? "Helden leben aus sich selbst heraus. Und sie sind wie wir: Sie haben keine Arbeit . . .. Aber jeden Tag aufs Neue trotzen wir der Welt unser Selbstwertgefühl ab . . . Ein heldenhafter Kampf." Mit dieser selbstbewussten Aussage präsentiert sich auf der Leipziger Buchmesse einer der zahlreichen deutschen Kleinst- und Neuverlage: der Rudolf-Aichner-Verlag aus Gröbenzell bei München.

Sein Platz in Halle 4 ist minimal. Er gehört zum Gemeinschaftsstand des Arbeitskreises kleinerer unabhängiger Verlage (AKV) im Börsenverein des deutschen Buchhandels. Dennoch, Aichner ist nicht zu übersehen. Bei ihm kommt niemand vorbei, ohne interessiert zu verharren. Ein rot-weißes Plakat, ein einziges Buch - das ist das ganze Programm des unternehmungsmutigen Verlegers, der sein eigener Autor ist, und seines Co-Autors Walther Ziegler.

Lauterbach auf dem "Blauem Sofa"

Und die beiden sind die Helden? Vielleicht. Denn in ihrem Buch "Abwärts!" stellen sie "Die 10 goldenen Regeln des sozialen Abstiegs" auf. Zwei Männer in den besten Jahren und einstmals in gesellschaftlich angesehenen Berufen sind arbeitslos geworden. In "Abwärts!" beschreiben sie nun, wie es wieder aufwärts geht. Paradox, aberwitzig und radikal nehmen sie sich die Bremer Stadtmusikanten zum Vorbild und kommen zu dem Schluss: "Wir sind Pioniere. Wir machen es urbar, das Land ohne Arbeit." Doch wenn's gut läuft - immerhin hat der optimistische Verleger eine relativ hohe Auflage gedruckt -, wenn sich also der 9,90 Euro teure Ratgeber gut verkauft, könnte es für Ziegler und Aichner vorbei sein mit ihrem "Heldendasein": Sie denken nämlich schon an Weiteres - an eine gesellschaftspolitische, eine philosophische Reihe etwa, genauso gut, witzig und leicht lesbar aufbereitet wie ihr Erstling.

Der berühmte Trubel der Buchmesse aber findet woanders statt. Zum einen in der Halle 2. Die ist ziemlich komplett in der Hand der Kinder- und Jugendbuch- sowie der Comic- und Hörverlage. Hier tummeln sich die Besucher zwischen vier und vierzehn. Sie sitzen in der Manga-Schmökerecke, schauen die neuesten Video-Trends, hocken in der Lesebude, lauschen den Autoren, machen selber Bücher. Da braucht einem um die Zukunft des Metiers nicht bange zu sein. Ebenso wenig, wenn man das muntere Treiben in den anderen Hallen beobachtet. Hier liest Bestsellerautorin Margriet de Moor, da eilt der bald 75-jährige Rolf Hochhuth durch die Halle und gibt Autogramme, auf dem "Blauen Sofa" nimmt Heiner Lauterbach zum Interview Platz. Ein Promi unter vielen, alle halbe Stunde ein anderer Gesprächskandidat. Und immer eine Menge Zuhörer. Aber gelesen wird auch an den Verlagsständen, diskutiert in den Debattenforen, überall ist hier etwas los. Die Leipziger erweisen sich als ein fantastisches Publikum. John Griesemer, Juli Zeh, Lars Brandt, Dietmar Schönherr, Franz Xaver Kroetz, Roger Willemsen, Julian Nida-Rümelin und all die Preisträger sowieso - in Leipzig kann man die Autoren hautnah erleben; wenn nicht tagsüber auf der Buchmesse, dann abends bei den Veranstaltungen von "Leipzig liest". Die ganze Stadt eine einzige, riesengroße Leseinsel.

Viel Aufmerksamkeit erfahren die jungen deutschen Autoren, besonders die Debütanten. Unter ihnen Paul Ingendaay mit "Warum du mich verlassen hast" (Verlag SchirmerGraf) und Clemens Meyer mit "Als wir träumten" (S. Fischer Verlag). Interessant nicht zuletzt dadurch, dass der eine quasi das Gegenstück des anderen darstellt. Ingendaay beschreibt seine Jugend im wohlhabenden Klima Westdeutschlands, Meyer die geschundene, raue "Menschwerdung" einer Leipziger Jugendgang in den wilden Nachwendejahren. Beide waren für den Preis der Leipziger Messe nominiert. Meyer gar, der Sachse, galt als heißer Favorit. Doch der Autor ist erst 28, ihm stehen ja noch alle Preise dieser Welt offen.

Zwischen der großen Literatur, den Schmankerl-Ecken wie der "Bibliothek des Grauens", den religiös ausgerichteten Ständen, den Sachbuch-Verlagen und jenen Unternehmen, die Autoren suchen - bei denen man also für Geld seine Memoiren zum Buch machen lassen kann -, dazwischen lohnt allemal ein Blick in die Ferne zu einigen ausländischen Repräsentanten. Ein aufgestellter Wegweiser zeigt die Messe-Entfernung zu den deutschen Botschaften bzw. Generalkonsulaten jener Länder an, die in Leipzig vertreten sind: etwa Sydney 16 135 Kilometer, Kapstadt 9664 Kilometer, Kairo 2902 Kilometer oder der Stand des Auswärtigen Amts 40 Meter.

So ist die Stadt an der Pleiße auch heuer wieder ein Zentrum der Anregungen und der politischen Auseinandersetzungen, ein Zentrum des Wortes und der Sprache, der Literatur und der Poesie, des Witzes, der Komik und des tragischen Realismus'. Wer wollte es da nicht mit Goethe halten: "Mein Leipzig lob' ich mir, es ist ein Klein-Paris."

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