"Aus Gründen der Sittlichkeit" wurde eines der drei Stücke im Ersten Weltkrieg verboten: Szene mit Friederike Ott als Marianne Palen und Johannes Zirner als Christian Maske.

Premiere

Helden des Kleinbürgertums

München - Für das Residenztheater haben Jürgen Kuttner und Tom Kühnel drei Stücke von Carl Sternheim inszeniert. Am Freitagabend haben die Stücke "Die Hose", "Der Snob" und "1913" Premiere.

In der Antike war die Sache mit den Helden einfach. Sie vermittelten zwischen Göttern und Menschen. Die Nachwelt pilgerte zu ihren Gräbern und erhoffte sich Hilfe und Trost. Zwar hat sich die Erinnerung an diesen Kult bis in unsere Zeit erhalten. Doch mit den antiken Göttern starben auch die wahren Helden. „Den Helden gibt es heute nur noch als intellektuelle Anstrengung“, sagt Jürgen Kuttner. „Die bürgerliche Gesellschaft ist unheroisch.“

Dennoch hat sich der Berliner Radiomoderator und Theatermacher nun mit seinem Dauerkollegen, dem Regisseur Tom Kühnel, an ein Projekt herangewagt, das den antiken Mythos um ein Stück idealisierte Wirklichkeit erweitert. Fürs Münchner Residenztheater haben die beiden Teile aus Carl Sternheims Dramenzyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ inszeniert. Heute Abend haben die Stücke „Die Hose“, „Der Snob“ und „1913“ Premiere.

Sternheim verfasste die insgesamt sechs Dramen zwischen 1908 und 1923. Die ersten drei Werke des Zyklus, eben jene, die ab heute zu sehen sind, erzählen vom Aufstieg des deutschen Kleinbürgers Theobald Maske und seines Sohnes in die Welt von Großfinanz und Aristokratie. Vor dem Hintergrund des Kaiserreichs und des bevorstehenden Ersten Weltkriegs skizziert der Autor das Individuum zwischen wilhelminischem Zwang und individuellem Geltungsdrang.

Obwohl nur „Die Hose“ und „Der Snob“ offiziell als Komödie gelten, wurde das Dramentrio in der Vergangenheit nahezu ausschließlich als Satire auf den Spießbürger begriffen. Auf diese vereinfachte Interpretation aber haben Kuttner und Kühnel keine Lust. „Es wäre ja auch langweilig, wenn sich im Publikum alle wie Bolle darüber amüsierten, wie blöde und doof die da auf der Bühne sind und man selber das nicht ist. Es ist zu leicht, die Figuren als Karikaturen zu begreifen“, mahnt Kuttner. „Eigentlich konstruiert Sternheim da einen bürgerlichen Helden, der nach inneren Gesetzen gegen gesellschaftlichen Zwang und Konventionen sein Leben lebt. Er ist vielleicht kein Vorbild. Aber er schafft sich seine innere Freiheit, seine Bestimmung.“

Dieses Moment in Sternheims Dramen macht die Trilogie für Kuttner und Kühnel auch heute noch aktuell. Sternheims Analyse von Freiheit in einer Gesellschaft, die durch und durch konventionalisiert und verwaltet ist, gelte 2014, im Zeitalter des NSA-Skandals, ebenso wie kurz vor dem Ersten Weltkrieg, sagt Kuttner. Den Humor, der Sternheims Text prägt, hat das Regie-Duo bei allem Verständnis für die Figuren jedoch nicht herausgenommen.

Die Sprache in den drei Stücken ist gewöhnungsbedürftig. Da bestehen Dialoge aus wechselseitigem, arhythmischem Stakkato. Da packen die Figuren ihre philosophischen Gedanken in verschwurbelte Sätze. Mit den Schauspielern daraus eine Szene zu stricken, die auf der Bühne funktioniert, ist harte Arbeit. „Sternheims Zyklus steht sehr sperrig in der Literaturlandschaft“, bestätigt Kuttners Regiekollege Tom Kühnel. „Er wandte sich damit gegen naturalistische Tendenzen in der Literatur. Ein Gerhart Hauptmann, ein Henrik Ibsen, das sind die Feindbilder, gegen die er anging. Sternheims Stücke sind sehr unpsychologisch.“

Der damaligen Obrigkeit missfielen die Dramen kurz nach ihrer Veröffentlichung allerdings nicht wegen ihres Mangels an Psychologie. „Die Hose“ war vorübergehend „aus Gründen der Sittlichkeit“ verboten. „1913“ durfte, obwohl 1915 für das Theater freigegeben, im Ersten Weltkrieg nicht aufgeführt werden, weil es „den inneren Frieden“ störe. Heute gehören die Dramen zum Theaterkanon. In Bochum steht derzeit „Tatort“-Star Dietmar Bär als Theobald Maske auf der Bühne. Zuvor lief die Trilogie in Hannover und Braunschweig.

Die Münchner dürfen auf die neue Version gespannt sein. Immerhin unterscheidet sich nicht nur der Fokus der Regisseure Kuttner und Kühnel von dem der Kollegen, sondern auch ihre Arbeitsweise. Das Duo, das im Cuvilliéstheater zum Beispiel die „Lola Montez“ auf die Bühne brachte, inszeniert gerne gemeinsam – am liebsten mit dem ganzen Team, vom Beleuchter bis zur Nebenrolle.

„Ich mache die Probe und den Probenplan. Jürgen macht mein Werk dann im besten Fall kaputt oder hat eine bessere Idee“, erklärt Kühnel. Die Gage teilen sich die beiden. Vom Wirbel um das Regietheater, das die Idee des Regisseurs über alles andere stellt, halten er und Kollege Kuttner wenig. „Im Team ist es irgendwann völlig egal, von wem die einzelnen Ideen für die Inszenierung kommen. Wir wissen es am Schluss wirklich nicht mehr.“

Premiere: Heute, 19 Uhr, Residenztheater; weitere Termine: 25.2., sowie 4., 13., 23. und 29.3.; Telefon 089/ 2185-1940.

Von Katrin Hildebrand

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