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Das Bühnenbild als Mitspieler: Szene aus Terence Kohlers Ballett „Helden“ mit Emma Barrowman als Athena Parthenos.

Premierenkritik

„Helden“ eröffnete die Ballett-Festwoche

München - Terence Kohlers Uraufführung „Helden“ eröffnete die Ballett-Festwoche im Münchner Nationaltheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Ein spannendes, ein sehr heutiges Stück, mit dem am Sonntag die Ballettwoche im Münchner Nationaltheater eröffnet wurde: Terence Kohlers „Helden“. Abendfüllend, fünf Akte, aber kein Handlungsballett. Voller Gedanken, auch voller Aufforderungen, den eigenen Kopf in Bewegung zu setzen, aber alles andere als verkopft. Konkrete Szenen, die Wege weisen, ohne jemanden zu zwingen, ihnen zu folgen. Kohler hat inzwischen eine schöne Freiheit im Umgang mit seinen Mitteln gefunden, die auf der sicheren Basis der Klassik den Tänzern Luft zum eigenen Ausdruck lassen. Und genauso ist das grandiose Staatsballett ja trainiert.

„Helden“ – ein Begriff, mit dem sich heute nicht mehr viel anfangen lässt. Kohler stellt ihn auch eher in Frage. War Prometheus ein Held? Ein Vorbild? Sicher nicht, aber Kohler macht ihn zur Zentralfigur seines Stücks. Wie ein Kugelblitz stürzt Lukáš Slavicky auf die Bühne, raubt, wie es der Mythos weiß, das Feuer und vermag damit Macht auszuüben. Hier muss schon die Rede sein von rosalie, Kohlers Bühnenbildnerin, nein: Mitautorin. Sie schickt das Feuer in Gestalt einer leuchtenden Wolke herunter, bestückt die Hinterbühne mit blitzenden Objekten in Spektralfarben und schafft einen Theaterraum, ohne Platz wegzunehmen. Ihre Skulpturen spielen, tanzen mit. Was so oft misslingt, wenn bildende Künstler, vor allem reine Maler, für die Bühne arbeiten, der Sprung in die dritte Dimension, das gelingt rosalie immer. Ihre Arbeiten sind beweglich, überraschend, zugleich abstrakt und konkret. Und genauso arbeitet Kohler.

Zu dem wilden, technisch brillant voranstürmenden Prometheus gesellt sich eine kluge Athena Parthenos, die langgliedrige Emma Barrowman. Sie tanzt mit vollendeter, ruhiger Linie, kann noch alltäglichsten Fall- und Sprungfiguren Charakter und Schlüssigkeit geben. Sie ist die Erste, der Prometheus das geraubte Licht gibt. Das sieht bei Kohler und rosalie wunderbar plausibel aus: Sie haben kleine Lampen an den Tänzerhänden befestigt. Das verblüfft auch das Volk; der Mann mit dem Licht wird zum Helden, dem es Gefolgschaft zollt. Und er gibt es in einer Art Abendmahl-Simulation an alle weiter. Wenn sie dann am Rand hocken mit ihren Lämpchen, kommt zum ersten Mal die Assoziation der anonymen Menge auf, die auf ihren iPhones herumdrückt. Vereinzelung in der Masse, die Ahnung von der Ambivalenz dieses „Helden“.

In der Tat hat Kohler nach eigenen Worten bei seinem Prometheus an Steve Jobs gedacht. Auf Prometheus, den Vor-Denker trifft im zweiten Akt sein Bruder Epimetheus, der Nachher-Bedenkende (Ilia Sarkisov mit Katherina Markowskaja als Pandora). Er will keine Neuerungen, keinen Fortschritt. Getanzt wird hier von allen klassisch in braver Paarbeziehung. Epimetheus verweigert das Licht, löscht es der Athene aus und stirbt schließlich im Zweikampf mit dem Bruder und Nebenbuhler. Beklemmung, wenn ein Mann im Schutzanzug auftaucht. Die vergrauten Lichtskulpturen offenbaren leere Fensterhöhlen (Licht: Christian Kass). Die Lampen werden zu Grablichtern; man denkt an eine Atomkatastrophe. Athena rettet schließlich die Menschen. Ist die kluge Frau das Mittel gegen fortschrittswütige Helden?

Der Abend ist durchgehend spannend, was, um es endlich zu sagen, auch an der hervorragenden Musikwahl liegt (am Pult Myron Romanul): Alfred Schnittke, unter anderem mit Teilen aus seinen Concerti grossi und Lera Auerbach, etwa mit ihrem „Eterniday – Hommage to W.A. Mozart“. Beide sind Komponisten mit voller Kenntnis der Klassik und klarer moderner Sprache. Kohler lässt seine Tänzer so fein auf die Musik reagieren, als sei sie für seine Choreographie geschrieben. Ungeteilter Applaus.

Nächste Vorstellungen 27. April, 10. und 31. Mai;

Telefon 089/ 21 85 19 20.

Beate Kayser

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