Heldentum und Segelohren

- Es ist eine sichere Nummer. Und wirkt wie ein fantasielos kalkuliertes Projekt: Wenn eine Autorin wie Isabel Allende sich eines Stoffes wie "Zorro" annimmt. Kühn, aber nicht unbedacht setzt sich die Ex-Chilenin und Wahl-Kalifornierin damit dem Verdacht aus, es falle ihr nichts Einträgliches mehr ein. Schließlich gibt es nicht nur Johnston McCulleys 1919 als Fortsetzungsroman veröffentlichten Ur-Zorro "Der Fluch von Capistrano", sondern auch etliche Verfilmungen. Aber Allende begnügt sich nicht damit, die alte Geschichte mit dem magischen Realismus der Lateinamerikanerin nach- oder einfach für heutigen Geschmack neu zu erzählen. Sondern sie erfindet für Zorro eine Vorgeschichte.

Wie sehr die Legenden um den gerechten Helden und die Mythen der Indianer die Autorin fasziniert haben müssen, spiegelt jede Seite dieses mitreißenden Romans wider, der jetzt bei Suhrkamp erschienen ist. Das wäre er vermutlich nicht, wäre Allende nicht ohnehin schon Autorin des Verlags. Denn der Abenteuerroman mit seinen Übertreibungen nimmt sich im gehobenen Suhrkamp-Sortiment recht ungewöhnlich aus. Doch ohne sie zu ironisieren, spielt das Buch mit den Versatzstücken des Genres, bedient sich ihrer so freimütig und virtuos, dass man ihm getrost bescheinigen kann: Es handelt sich um anspruchsvolle Unterhaltung, die über sich selbst reflektiert. Wer da mit spitzer Feder schreibt und gewitzt erzählt, ist zu ahnen, wird aber erst am Schluss verraten: Es ist Isabel, Tochter jenes Hauses in Barcelona, in dem der gebürtige Kalifornier Zorro europäischen Schliff bekommen soll. Wenngleich Isabel undamenhafte Züge aufweist, etwa Fechten lernt, gibt sie den Abenteuern doch eine eher weibliche Perspektive. Sie erkennt, wenn Zorros männlicher Stolz verletzt wird, konterkariert seine Talente amüsiert mit seinen Schwächen und verhehlt nicht, dass seine ersten Heldentaten keineswegs nur von reinem Gerechtigkeitsstreben befeuert waren, sondern auch durch Eifersucht und Angeberei. So dienen Zorros Abenteuer auch dazu, die Entwicklung einer differenzierten, schillernden Heldenfigur zu beschreiben.Bürgerlich heißt der Sohn einer indianischen Kriegerin und eines spanischen Kolonialherren Diego de la Vega. Er hat unheldenhafte Segelohren. Um seine zweite Identität als furchterregender Zorro geheim zu halten, pflegt Diego unvorteilhafte Eigenschaften: Er gibt sich kränklich und duckmäuserisch, was ihn auch das Ansehen bei der angebeteten Juliana kostet. Sie ist "das schönste Mädchen unter der Sonne" - so viel Superlativ wird dem Abenteuerroman dann doch immer wieder lustvoll zugestanden. Nur: Der Held bekommt die Traumfrau nicht. Trotz seines Mutes braucht er auch die kluge und treue Unterstützung seines indianischen Milchbruders Bernardo, um Zorro werden zu können. Überhaupt sind Zorro am Ende mehrere: Zwei, ja später drei in Zorro-Kostümen auftretende Figuren verwirren die Feinde und demonstrieren seine Allgegenwart - es sind Diego, Bernardo und die kühne Isabel selbst. Während Diego Nebenbuhler aus dem Feld zu schlagen sucht, sich in den Auseinandersetzungen zwischen dem besetzten Spanien und Napoleons Truppen auf die Seite der Schwachen egal welcher Partei schlägt, während er sich mit Piraten arrangiert und sich von der Garderobe des großen Korsaren Jean Lafitte inspirieren lässt, gerät er doch immer in angenehm lächerliche Situationen, in denen der erste Kuss von einem unromantischen Hustenreiz gestört wird. Natürlich lässt Allende es sich nicht nehmen, selbst für die Schwachen Partei zu ergreifen, den kulturellen Reichtum der Indianer doch etwas zu stark zu idealisieren und in der Lebensgemeinschaft der Piraten einen frühen Versuch von Demokratie zu entdecken. Und so ist ihr ein abenteuerliches, gar nicht fantasieloses Stück Literatur gelungen, das man entweder nach den ersten, etwas langatmigen 30 Seiten weglegt - oder nicht mehr vor dem Ende 400 Seiten später.

Isabel Allende: "Zorro". Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main, 444 Seiten; 22,80 Euro.

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