Heldin ohne Pathos-Gesten

- Batterie leer? Maschinenschaden? Gar ein Nickerchen des Chefs? Mitten im ersten Aufzug, just als Siegmund im Angesichts der Schwester seine Kindheit bewältigte, geriet diese Bayreuther "Walküre" ins Schlingern.

Bayreuther "Walküre" ins Schlingern. Dirigent Adam Fischer trat auf die Bremse, ging dazu über, die Partitur zu buchstabieren, jede Mini-Phrase mit großer Bedeutsamkeit auszustellen und verlor völlig das Gefühl für Zusammenhänge, für die dramatische Vehemenz - auch für die Puste-Reserven seiner wackeren Solisten. <BR><BR><P>Womöglich gab's Beschwerden in der Pause: Ab nun hatte Fischer jedenfalls begriffen, dass man sein Faible für Kammermusik auch anders beweisen kann. Da gelangen die Zuspitzung eindrucksvoll, auch das allmähliche Verebben des Schlussaktes vom Furor des "Walkürenritts" bis zur Klangmagie in Wotans Abschied. Keine vergeigte Vorstellung also, richtete sich doch das Interesse der ganzen Wagnerwelt auf das Ereignis: ein Brünnhilden-Debüt. </P><P><BR>Und Evelyn Herlitzius enttäuschte die Erwartungen nicht, schoss sogar - in den ersten, zu hoch geratenen "Hojotohos" - übers Ziel hinaus. Sie ist die Antithese zu Heroinen à la Gabriele Schnaut und Luana DeVol: eher klein, schlank, sehr wendig im Spiel, eine moderne Frau eben, der Pathos-Gesten fremd sind, der man anmerkt, dass sie eine phänomenale Lulu oder Salome sein muss. Ihre helle, schmelzarme, groß dimensionierte Stimme führt sie mühelos, wodurch viel Freiraum fürs intelligente Gestalten bleibt. </P><P>Das anfängliche Flackern, eine gewisse Unausgeglichenheit war im grandiosen Schlussakt vergessen. Zusammen mit der großartigen Violeta Urmana (Sieglinde), an deren üppigstem Timbre man sich nicht satt hören kann, ließ die Herlitzius das übrige Ensemble weit hinter sich. Denn mit dem Wotan von Alan Titus wurde man in diesem "Ring" nicht glücklich: Sein Singen bewegte sich zwischen unverständlichem Näseln, mulmigem Verströmen und gedröhnten Spitzen - eine Indisposition? Mihoko Fujimura (Fricka) blieb in erster Linie Eigentümerin einer vorzüglichen Stimme, als Darstellerin indes zu passiv. </P><P>Philip Kang gab den ungeschliffenen Hunding-Fiesling, Robert Dean Smith (Siegmund) den wohlerzogenen Mustertechniker. Die Emphase der "Wälse"-Rufe (warum so lang gehalten?) glaubte man ihm nicht, dafür die stille Verzweiflung der "Todesverkündigung". Für den 2005er-"Tristan", als der er hier gehandelt wird, fehlt ihm freilich - noch - das Format. </P><P><BR>Jürgen Flimms Regie in Erich Wonders Bildern begegnete uns im dritten "Ring"-Jahr wesentlich dichter, schlüssiger. Die Tschechow-Atmosphäre des ersten Aufzugs, auch die Versammlung der Kampffrauen samt finalem, betörend kitschigem Feuerzauber (Brünnhilde im Metallzylinder vor Wolkenkulisse) verfehlte ihre Wirkung nicht. </P><P>Auch sein neuer Einfall: Als Brünnhilde den verblüfften Siegmund in einer mit wenigen Holzbalken markierten Arena aufsucht, hängt sie ihm den Panzer des künftigen Götterhelden um, malt sein Gesicht weiß - ein sehr zärtliches Ritual. Weiterhin dürftig und kaum berührend war dagegen die zentrale Szene der Tetralogie, Wotans Verzicht aufs Heldenprojekt zwischen Büromöbeln und Notebook. Eben das ist Flimms größtes Problem: Es dreht sich hier um Weltentwürfe, nicht um den Denver Clan. </P>

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