1. Startseite
  2. Kultur

Helge Timmerberg: So lässig kann man siebzig werden

Erstellt:

Von: Katja Kraft

Kommentare

Vor dem alten Auto seines verstorbenen Vaters: Helge Timmerberg. Ewig Reisender.
Vor dem alten Auto seines verstorbenen Vaters: Helge Timmerberg. Ewig Reisender. © Katja Kraft

Bestseller-Autor Helge Timmerberg hat ein sehr lustiges Buch (Piper Verlag) über das Älterwerden geschrieben. Offen schreibt er, der selbst gerade 70 geworden ist, über körperlichen Verfall. Im Interview erzählt Timmerberg genauso frei von der Seele weg über Alter, Drogen, Frauen und Gendersternchen.

Er kommt im zerbeulten Mercedes seines verstorbenen Vaters. Der silberne Stern auf der Kühlerhaube ist längst abgerissen. „Das lass ich nicht reparieren. So klaut dir keiner die Karre“, sagt Helge Timmerberg. 70 ist der Reisejournalist und Bestseller-Autor gerade geworden. Er hat ein sehr lustiges Buch darüber geschrieben. „Lecko mio. Siebzig werden“ (Piper, 188 Seiten; 20 Euro). Nun stellte er es im Münchner Volkstheater vor. Wir trafen Timmerberg vorab im Hotel Mariandl. „Hier schlafe ich immer, weil man in den Zimmern noch rauchen darf.“ Na, dann: auf ein, zwei Zigaretten, Herr Timmerberg.

Hat Altwerden auch was Gutes? Sie schreiben: Man schaut vielleicht noch jedem Rock hinterher, aber man muss ihm nicht mehr hinterherrennen...

Helge Timmerberg: Stimmt. Das ist, wie wenn man an einer Blumenwiese vorbeifährt. Ich kann die genießen, aber ich muss da nicht mehr aussteigen und die Blumen pflücken. Das ist entspannter als früher.

Altwerden hat also auch Vorteile.

Helge Timmerberg: Man muss es sich sagen, sonst würd’s ja nur noch bergab gehen. Nein, seelisch fühle ich mich heute nicht schlechter als mit 30 oder 40. Das kommt durch die Erfahrung. Mit wachsendem Alter bist du nicht mehr so bescheuert. Und dadurch, dass du nicht mehr so bescheuert bist, machst du nicht mehr so viele bescheuerte Sachen. Das wiederum hat zur Folge, dass du dich nicht mehr so oft bescheuert fühlst, weil du was Bescheuertes gemacht hast. Wenn ich meine Drogenexzesse von früher sehe: Das ist immer lustig im Nachhinein. Aber diese Polarzonen, in die ich da geraten bin, waren in dem Moment ja alles andere als lustig. Heute bin ich viel disziplinierter.

Und doch träumen Sie im Buch kurz davon, noch mal 17 zu sein. „Und genauso bescheuert.“ Ernsthaft? Alles auf Anfang?

Helge Timmerberg: Ich hab mir diese Frage beim Schreiben auch gestellt. Das Privileg der Jungen ist ja der Ozean an Leben, der noch vor ihnen liegt. Das ist ein Reichtum, der ist der Wahnsinn. Jetzt muss ich mich fragen: Will ich diesen Reichtum wiederhaben – mit all dem Leid? Ich hatte mal zwei Jahre Liebeskummer, der hat mich fast umgebracht. Du wachst morgens auf und hast 15 Sekunden Ruhe, dann kommt der Schmerz wieder hoch. Will ich diese zwei Jahre wiederhaben als Beispiel? Klar wäre es genial, mit dem Wissen von heute noch mal 17 zu sein.

Was würden Sie tun?

Helge Timmerberg: Ich würde Jimi Hendrix retten. Ich war drei Häuser weiter, als der gestorben ist. War reiner Zufall. In Notting Hill damals. Jetzt, wo ich’s wüsste, würde ich vor seinem Haus Terror machen, bis die öffnen. Dann hätte ich Hendrix gerettet.

Helge Timmerberg und Kulturredakteurin Katja Kraft im Münchner Mariandl.
Helge Timmerberg und Kulturredakteurin Katja Kraft im Münchner Mariandl. © kjk

Mögen Sie den 17-Jährigen, der Sie mal waren?

Helge Timmerberg: Ich liebe ihn! Aber wenn der jetzt hier reinkäme... (Fängt laut an zu lachen.) Und mich volllabern würde!

Was würde er sagen?

Helge Timmerberg: Mit 17 habe ich sehr viel LSD genommen und dachte, das sei die Rettung der Menschheit. Nach dem Motto: „Nehmt das jetzt alle, damit ihr mal durchblickt, was wirklich abgeht!“ Und dann die Sache mit dem Testosteron. Was mich die Sexualität in Probleme reingerissen hat! Da würde ich heute sagen: Geh besser nur in den Puff, da kommste weit mehr ohne Blessuren wieder raus als mit der romantischen Liebe.

So schlimm?

Helge Timmerberg: Ich habe mich immer stark verliebt. Da waren alle Schranken offen.

Heilt Zeit alle Wunden?

Helge Timmerberg: Ich glaube schon. Aber es bleiben Narben. Und obwohl sie uns an unsere Fehler erinnern, macht man sie wieder. Man macht vielleicht denselben Fehler nicht erneut, dafür andere. Jetzt kann man sich ärgern: Das war ein Fehler, das war schon wieder ein Fehler... Oder man sagt: Ah, Erfahrung, Erfahrung! Im Moment sehe ich das ziemlich positiv. Ich bin noch kein Greis. Ich fühle mich gut.

Woran liegt das?

Helge Timmerberg: Wohl auch daran, dass ich nie so vorgesorgt habe, dass ich sagen könnte: Ich verziehe mich auf eine Finca und züchte Esel. Ich muss weiter arbeiten, weiter schreiben. Ich bereue das oft, andererseits: Wann fühle ich mich am besten? Wenn ich schreibe und das Schreiben läuft. Dann ist mir alles egal. Wie viele Zigaretten ich rauche, wie viel ich kiffe, wie viel ich trinke. Weil dieses Erzählen mich erfüllt. Dass es noch Deadlines gibt: Wie schön ist das denn!

Und doch hadern Sie mit der Entwicklung, die sich für Autoren tut. Stichwort: Gendern. Sie tun es nicht. Denn: „Die Belange der Sprache sind mir wichtiger als die der Emanzipation.“

Helge Timmerberg: Ja, dabei verstehe ich die Sensibilität. Wenn ich überlege, mein Geschlecht hätte Jahrtausende nichts zu sagen gehabt. Und ich würde immer lesen: Schriftstellerin, Autofahrerin, dann würde ich auch sagen: Und was ist mit mir als Mann? Von daher kann ich das nachvollziehen. Aber ich gebe viel auf Kreativität. Und deshalb sage ich: Okay, dann brauchen wir jetzt mal unsere Kreativität, die Sprache so auf Geschlechtergerechtigkeit anzupassen, dass es nicht einfach nur immer langweiliger wird.

Haben Sie Vorschläge?

Helge Timmerberg: Das ist die Herausforderung. Was mir total auf den Keks geht, ist diese Verdopplung. Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Da hast du ja schon fast zwei Zeilen nur für die Benennung eines Berufs gefüllt. Auch die Sternchen. Das mache ich nicht. Wer meine Texte deshalb nicht lesen will – okay. Ich finde, man muss auch ein bisschen für die Sprache kämpfen als Journalist. Die meisten männlichen Redakteure, die so überzeugte Genderisten sind, sind ja keine richtigen Männer. Bei Männern, die totale Feministen sind, frage ich mich: Was ist eigentlich mit denen los? Das Geschlechterleben beruht doch auf der Gegenpoligkeit. Mein Gott, wie gern bin ich mit Frauen unterwegs! Wenn alle Frauen ausgelöscht wären und es gäbe nur noch Männer: Ich würde mir sofort das Leben nehmen.

Können Sie mit Kritik gut umgehen?

Helge Timmerberg: Mit der Kritik „Ey, das Schwein gendert nicht!“ kann ich komplett umgehen.

Und wenn jemand sagt: „Das Schwein kann auch nicht schreiben“?

Helge Timmerberg: Dann ist es ein Problem. Dann muss ich an dessen Verstand zweifeln. (Grinst.) Damit kann ich schlecht umgehen.

Sie schreiben: „Ich war nie politisch korrekt, es reichte mir, menschlich korrekt zu sein.“ Waren Sie es immer?

Helge Timmerberg: Nein. Aber menschliche Korrektheit war der Maßstab. Politisch korrekt ist Ideologie, menschlich korrekt ist Charakter. Dein Charakter checkt ab, was du für richtig empfindest. Dann ist es echt und keine aufgesetzte Doktrin. Davon muss man sich leiten lassen.

Auch interessant

Kommentare