Im hellen Licht

- Wenn ein Dirigent so programmatisch denkt wie Kent Nagano, ist es schon verführerisch, alles auf die Goldwaage zu legen. "Kein Musik ist ja nicht auf Erden, die unsrer verglichen kann werden" - beim Zitat aus Mahlers vierter Symphonie mag mancher an ein neues Selbstbewusstsein gedacht haben.

Nach Naganos Antrittskonzert als künstlerischer Leiter der Bayerischen Staatsoper war jedenfalls klar: Hier bricht tatsächlich eine andere Zeit an. Dramaturgisch (die Koppelung von Schuberts "Rosamunde" mit Mahlers seelenverwandter Vierter) und interpretatorisch. Der neue Chef, das war im Prinzregententheater zu erleben, verlangte viel vom Staatsorchester. Die Phase der luxuriösen Großzügigkeit, der ein wenig oberflächlichen Deutungen ist offenbar vorbei.

Beim Analytiker Nagano wurde Mahlers Musik ins helle Licht geholt. Als ob jemand mit einem überscharfen Okular auf die Partitur blickt, so begegnete den Zuhörern die Vierte: detailgenau, sehr profiliert, fast seziert, was durch die trockene Akustik noch begünstigt wurde. Selbst im dritten Satz nahmen Nagano und seine Musiker keine Klangbäder, betonten vielmehr die genau gestaffelten Streicherschichtungen, agierten fernab vom Weinerlichen oder Melancholischen. Nun birgt solch Transparenzlust eine Gefahr. Gerade die hintergründige Vierte erfordert doch auch eine gewisse Nonchalance, ja Uneindeutigkeit.

Nagano schien das Werk dagegen rein aus der musikalischen Entwicklung zu begreifen, vernachlässigte dabei die Emotionen der Wunderhorn-Welten, die eben auch mitschwingen. Anders die Ausschnitte aus Schuberts Schauspielmusik zu "Rosamunde". Nagano glückte der Lustspiel- und volksliedhafte Ton. Ihm lag an einem wendigen, geschmeidigen, schwebeleichten Klangbild, das er mit dem ungewöhnlich groß besetzten Staatsorchester auch weitgehend erzielte -abgesehen von der anfangs strauchelnden Ouvertüre. Der Staatsopernchor offenbarte hier ungeahnte Piano- Qualitäten, Sopranistin Michaela Kaune gestaltete (wie in der Vierten) sehr textorientiert, mit schönem, ausgeglichen geführtem Sopran.

Und Elke Heidenreich traf in ihren persönlichen, uneitel gelesenen Texten über Glück, Liebe und Tod bei Schubert, über Wohl und Wehe des Mannes, der sich "wundgehofft" habe, die "Temperatur" dieser Musik. Langer Jubel -ein verheißungsvoller Start in eine neue Ära.

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