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„Ich habe einfach an den Erfolg geglaubt, wo andere nur Probleme gesehen haben“: Helmut Markwort.

Interview zum 80. Geburtstag

„Wir müssen bei der Wahrheit bleiben“

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Medienmacher Helmut Markwort über den „Focus“, Privatradio und Privatfernsehen sowie die Zukunft des Journalismus

Er leitete die Fernsehzeitschrift „Gong“ und entwickelte Blätter wie „Die Aktuelle“ oder „Ein Herz für Tiere“. Doch der Name Helmut Markwort ist im Blätterwald vor allem mit einer Publikation verbunden – dem „Focus“, den er im Jahr 1993 gründete und dessen Chefredakteur er bis 2010 war. Der aus dem hessischen Darmstadt stammende Medienmacher, der heute 80 Jahre alt wird, gilt darüber hinaus als Pionier des privaten Rundfunks. Er gründete im Jahr 1985 die Münchner Welle Radio Gong und war maßgeblich an der Etablierung des landesweiten Radiosenders Antenne Bayern beteiligt. Auch vor der Kamera ist der Jubilar bis heute aktiv – als Moderator des „Sonntagsstammtischs“ im Bayerischen Fernsehen.

Wenn Sie noch einmal 20, 30 Jahre alt wären, würden Sie wieder zu einem Printmedium gehen?

Natürlich!

Ich hatte erwartet, dass Ihre Antwort lautet: „Heute nicht mehr, weil Print stirbt.“

Print schrumpft, aber es stirbt nicht. Die Zeitung oder die Zeitschrift ist eine Wundertüte. Da machen sich Redakteure Gedanken und stellen mir eine gute Mischung zusammen, da werde ich mit Themen konfrontiert, die ich beim Suchen nach immer denselben Inhalten im Netz nicht finde. Außerdem halte ich gerne eine Zeitung in der Hand.

Was müssen die Blattmacher tun, damit Print wirklich nicht stirbt?

Die Zeitungen und Zeitschriften, die überleben wollen, müssen das Besondere bieten. Der Leser muss leiden, wenn er sie nicht hat. Wenn er nur das darin findet, was er schon am Abend vorher online gelesen oder im Fernsehen gesehen hat, dann macht sich die Zeitung selbst überflüssig.

Was hat Sie damals so sicher sein lassen, dass der „Focus“ ein Erfolg wird?

Ich war davon überzeugt, dass es notwendig ist, die Informationsvielfalt in Deutschland zu erweitern. Andere Menschen, andere Positionen. Ich bin wie Don Quijote verlacht worden, als wir angefangen haben, heute lacht keiner mehr. Ich habe den größten Respekt vor dem „Spiegel“ und der Lebensleistung von Rudolf Augstein, aber er hatte da ein gefährliches Monopol. Das nannte sich zwar Nachrichtenmagazin, war aber im Grunde ein Meinungsmagazin, geschrieben von Zynikern. Montag für Montag hat der „Spiegel“ die Themen für die ganze Woche gesetzt. Und alle haben sie nachgebetet. Und natürlich wurde dieses Monopol auch missbraucht, bis hin zur Nötigung von Politikern – übrigens aus allen Lagern.

Das klingt sehr nach „linkem Mainstream“.

Den gab und gibt es ja auch. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass in diesen Zeiten die Mehrheit der Journalisten links war. Die wollten die Welt verbessern. Wer nicht links war aus meiner Generation, der ging nicht zur Zeitung, sondern zu einer Bank oder zu Siemens. Und diese links-grüne Grundhaltung spiegelt sich bis heute im Groß- oder Kleinspielen von Themen wider, in den Überschriften und im Fernsehen in den Einladungen zu politischen Talkshows. Wenn da mal einer von der AfD sitzt, dann hacken alle anderen auf ihm herum. Die laden den nicht ein, damit er den Zuschauern seine Position erklärt, sondern um ihn fertig zu machen. Das finden immer mehr Leute nicht in Ordnung.

Aber rechtfertigt das das böse Wort von der „Lügenpresse“?

Dieser Begriff ist abzulehnen, nicht zuletzt, weil das Nazijargon ist. Joseph Goebbels und seine Leute haben ja den Zeitungen diktiert, was sie schreiben dürfen, bis aufs Komma. „Lügenpresse“ geht gar nicht, „Lückenpresse“ finde ich schon treffender. Dass Informationen weggelassen werden, kommt ja leider vor. Das hat sich nach der Silvesternacht von Köln ein wenig geändert. Es war ja ein Tabu in Deutschland, die Nationalität von Tätern zu nennen. Wir wissen doch alle, dass in Deutschland rumänische Einbrecherbanden unterwegs sind, aber das wurde lange nicht geschrieben, weil es politisch nicht korrekt war.

Sie waren einer der Pioniere des Privatradios in Deutschland. Noch so ein Wagnis...

Das war in den Achtzigerjahren, da wurden die Gesetze dahingehend geändert, dass auch private Unternehmer Rundfunk machen können. Ich habe einfach an den Erfolg geglaubt, wo andere nur Probleme gesehen haben. Und das hat sich ausgezahlt. Die „SZ“ hat übrigens über mich geschrieben, ich sei über Beteiligungen vermögend geworden. Ich habe mich nicht beteiligt, ich habe gegründet! Ich war der Gründungsgeschäftsführer von Radio Gong und der Gründungsgeschäftsführer von Antenne Bayern, beide sind nach wie vor erfolgreich, Antenne Bayern ist der erfolgreichste deutsche Hörfunksender. Und jetzt versuchen die Öffentlich-Rechtlichen, die Privaten durch die neue Technologie DAB+ an den Rand zu drücken. Der Kampf beginnt von vorn.

Lokale Fernsehsender werfen dagegen nicht viel ab.

Na ja, München TV, das ich zusammen mit Ihrem Verleger Dirk Ippen gegründet habe, ist ein bisschen profitabel. Aber es ist schwer. Wir haben tausend Ideen, deren Umsetzung uns aber in kürzester Zeit in den Ruin treiben würde.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass das keine Erfolgsgeschichte wie beim Radio ist?

Fernsehen ist teuer, und die Werbeeinnahmen sind zu gering, um wirklich konkurrieren zu können mit den Öffentlich-Rechtlichen. Da fehlt auch einfach die Tradition wie in den USA, wo die lokale Sender einen ganz anderen Stellenwert haben. Die haben da alle eigene Hubschrauber, die haben einen riesigen Apparat, mit dem sie in den Städten überall präsent sind. Das können wir uns hier nicht leisten.

Sie standen immer gern selbst vor der Kamera, moderieren bis heute eine Talkshow – Ihr eigentlicher Traumjob?

Nein. Ich wollte nie hauptberuflicher Moderator werden. Ich mache das einfach gern, und der „Sonntagsstammtisch“ beim BR ist ja sehr erfolgreich. Außerdem dient er meiner Weiterbildung. Auch wenn er mich zwingt, am Samstagabend früh schlafen zu gehen.

Sie waren eng mit Günter Strack befreundet – hätte aus Ihnen auch ein Schauspieler werden können?

Hätte, ja. Ich war am Darmstädter Staatstheater als junger Mann Statist für (spricht in hessischem Dialekt) zwaa Mack. „Sie krieje net mehr wie zwaa Mack!“ Und wenn wir einen Abstecher nach Offenbach gemacht haben oder nach Aschaffenburg, haben wir sogar „fünf Mack“ bekommen. Aber ich wollte nicht Schauspieler werden und jeden Abend denselben Text aufsagen, den ein anderer geschrieben hat. Ich habe ja hier an der Komödie 46 Mal den Winston Churchill in „The King’s Speech“ gespielt. Das war Stress! Das Problem ist, dass der König stottert, und du bist ja als Hobbyspieler darauf angewiesen, dein Stichwort zu kriegen. Jetzt hat Götz Otto, der den George VI. fabelhaft spielt, aber dermaßen gestottert und jeden Abend anders, ich wusste nie, wann ich ihn unterbrechen muss. Ich war manchmal zu früh dran und Götz Otto entsprechend wenig begeistert.

Sie sind leidenschaftlicher Fußballfan. Nun werden Sportrechte nicht nur im Fußball immer teurer, gerade sind ARD und ZDF deswegen aus der Olympia-Berichterstattung ausgestiegen. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube, das war wohlüberlegt. Warum sollen die die Zweitrechte kaufen, zumal die in Frage kommenden Spiele für den deutschen Zuschauer nachts stattfinden? Der 100-Meter-Lauf oder die Abfahrt der Herren um 3 Uhr morgens – wer schaut denn da zu? Andererseits hat sich Eurosport verpflichten müssen, den olympischen Sport einem großen Publikum im frei empfangbaren Fernsehen zugänglich zu machen. Das IOC ist also an Publikum interessiert.

Und wie sollen sich die Öffentlich-Rechtlichen Ihrer Meinung nach im Preispoker um den Fußball verhalten?

Da müssen sie mitbieten, denn Fußball ist in Deutschland absoluter Volkssport. Das gehört zur Grundversorgung. Die Fans erwarten, dass sie für ihren Rundfunkbeitrag die wichtigen Spiele frei empfangen können, die Welt- und die Europameisterschaften. Alle Spiele der Bundesliga live sind dagegen ein Luxus, der im Bezahlfernsehen gut aufgehoben ist.

Und für den Rest ist jeder Preis okay?

Na ja, jeder Preis...

Die Intendanten werden irgendwann wieder einen höheren Beitrag fordern, um die Rechte bezahlen zu können.

Die Sender brauchen Geld vor allem wegen der hohen Pensionen, für die sie vorzusorgen haben. Die großzügigste Altersversorgung überhaupt gibt es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Viele ehemalige Redakteure und Abteilungsleiter werden heute 100 Jahre alt, das hat niemand einkalkuliert, als die Regelungen getroffen wurden damals, in den Fünfzigerjahren.

Ihr Rezept für einen Journalismus, der Zukunft hat?

Wir müssen der Wahrheit verpflichtet bleiben. Ich beobachte, dass immer mehr User, wie man heute sagt, nicht mehr unterscheiden können zwischen Wahrheit und Lüge. Die Versuchung, sich aus trüben Quellen zu informieren, ist groß. Umso wichtiger wird unsere Aufgabe sein, die Nachrichten zu sortieren und einzuordnen. Ich erinnere mich an Bettina Wulff, die Frau des Ex-Bundespräsidenten, über die im Netz ganz bösartige Sachen verbreitet wurden. Alle seriösen Blätter haben recherchiert – an den Gerüchten war nichts dran! In Leserpost stand dann: „Seid Ihr zu feige, über die Vergangenheit von Bettina Wulff zu schreiben?“ Von so etwas dürfen wir uns aber nicht entmutigen lassen. Die klassischen Medien sind heute wichtiger denn je.

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