„Hemd aufknöpfen oder gleich küssen?“

München - Wedekinds „Frühlings Erwachen“ kommt als Musical auf die Bühne. Zur Premiere lesen Sie hier ein Gespräch mit dem Autoren-Enkel Anatol Regnier und dem Regisseur Matthias Davids.

„Ist es schlimm in der Pubertät? Es ist das Erwachsenwerden, das Menschwerden - und das tut eben weh. Man fragt sich: Was hat das alles für einen Sinn? Und ob man mit dem Handy telefoniert oder sich Briefchen zusteckt, die Probleme verändern sich nicht grundsätzlich.“ Das sagt Anatol Regnier, Sohn des Schauspielers Charles Regnier und der Wedekind-Tochter Pamela, der jetzt gespannt ist, wie die 1891 gegen die verlogene bürgerliche Moral geschriebene Jugendtragödie „Frühlings Erwachen“ seines Großvaters als Rockmusical über die Rampe kommt: Das Münchner Deutsche Theater und die Bayerische Theaterakademie bringen das Stück von Steven Sater (Buch/ Songtexte) und Duncan Sheik (Musik) in der Übersetzung von Nina Schneider am 30. Juni im Fröttmaninger Zelt heraus. Wir sprachen mit Anatol Regnier und Regisseur Matthias Davids.

-Sexuelle Erfahrungen von Jugendlichen konkret auf der Bühne, das war vor 120 Jahren Schock und Skandal. Heute...

Regnier: ...schläft man im Schüleralter miteinander. Das tun die alle, im Haus der Eltern, mit dem Segen der Eltern! Was noch zu unserer Zeit undenkbar gewesen wäre. Heute ist das gar nix mehr. Trotzdem ist das Aufwachsen schmerzlich.

- Also ist das Stück doch noch aktuell?

Regnier: Man muss bei Wedekind versuchen, eine Allgemeingültigkeit herauszuarbeiten. Man darf nicht den Fehler machen, das „Schockierende“ zu überhöhen. Deswegen gehen sehr viele Regisseure mit Wedekind baden. Man muss das verfremden, man muss irgendeinen anderen Weg finden, dann wirkt es.

-Wie wurde Wedekind zum Bürgerschreck?

Regnier: Er und seine fünf Geschwister sind in der Schweiz auf Schloss Lenzburg aufgewachsen, das sein Vater, der Arzt Dr. Friedrich Wilhelm Wedekind, gekauft hatte. Ein riesiger Kasten - heute ein Museum - für nur eine Familie, nicht beheizbar, ohne Wasserleitung! Und diese Situation für ein Schriftdeutsch sprechendes Kind in einer Schweizer Kleinstadt, wo jeder jeden kannte, das hatte natürlich einen theatralischen Charakter. Und da ist schon dieser Zwiespalt entstanden. Einerseits eine sehr bürgerliche Existenz: Wedekind war sehr auf Pünktlichkeit bedacht, immer ordentlich gekleidet und so übertrieben höflich, dass die Leute gedacht haben, er halte sie zum Narren. Und auf der anderen Seite dieser Bohemien, der ja nichts ausgelassen hat, um das Publikum, um die Presse zu provozieren.

-Wie waren die Proben mit den Studenten?

Davids: Ich habe gefragt: „Geht Euch das was an, findet Ihr Eure Probleme wieder?“ Und dann kamen Antworten wie: „Man thematisiert ja heute alles, man kann sich aus dem Netz alles herunterladen, aber wenn man konkret vor der Person steht, weiß man nicht: Muss ich jetzt zuerst das Hemd aufknöpfen oder mit Küssen anfangen.“ Ich glaube, durch die Informationsfülle in den Medien ist der Druck noch größer geworden, den eigenen Weg zu finden.

-Wie ist Choreograph Michael Schmieder vorgegangen?

Davids: Es gibt keinen eigentlichen Tanzschritt. Alle Bewegungen sind aus der Emotion entwickelt. Wir haben dazu improvisiert über Fragen „Wie äußern sich Gefühle?“ oder „Wie explodiert man?“. Dieses Raus-in-die-Welt-Wollen, diese unglaubliche Energie der Jugend, die muss man bei den jungen Schauspielern suchen.

- Wie sind Sater und Sheik mit dem Wedekind-Text umgegangen?

Davids: Die Originalszenen, wenn auch gekürzt, sind beibehalten. Und alles, was musikalisch ist, ist quasi innerer Monolog der Darsteller. Die Songs treiben die Handlung nicht voran, sondern sind Ausdruck der inneren Gefühle. Ob es das Thema Sucht ist oder die Sucht nach Liebe, nach „dem ersten Mal“. Ein Song heißt „Verficktes Leben“, wo die Jugendlichen rausschreien können: Wir sind so missverstanden! Man hat also zwei Ebenen: Textlich bleibt man am Original von 1891, kann aber mit der Popmusik in ein Heute, in ein heutiges Gefühl ausbrechen. Es gibt ja auch kein einziges Duett, in dem der eine Charakter den anderen ansingt. Die Darsteller singen miteinander, aber es geht immer raus ans Publikum - fast als eine Art Kommentar, wie man sich als Heranwachsender fühlt.

Regnier: Wedekind wollte übrigens bei der Berliner Uraufführung 1906 richtige Kinder als Darsteller. Max Reinhardt meinte: „Um Gottes willen, mein Theater bricht zusammen, ich krieg die Polizei auf den Hals.“ Dann spielten gestandene Schauspieler. Und das Stück war ja auch ganz abgemildert... Diese homosexuelle Szene - ich weiß nicht, ob die nicht auch heute noch grenzwertig wirkt.

Davids: Wenn man Jugendliche im Publikum hat, ist das ein Lacher. Ich finde, das Stück beinhaltet auch sehr viel Humor. Es klingt ja immer so, als würden alle Probleme der Jugend in anderthalb Stunden abgeklappert, und alle bringen sich um. So ist es ja nicht. Die sind ja neugierig, die sind ja auch fröhlich.

Regnier: Dass gelacht wurde, war Wedekind wichtig. „Vergessen Sie nicht den Humor“, hat er dem Friedrich Basil gesagt, einem großen Münchner Schauspieler, der in der ersten Münchner Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ spielte. Wedekind selbst hatte einen bärbeißigen, grenzwertigen Humor. Wenn ihn jemand gefragt hat „Wie hat Ihnen denn die Aufführung gefallen?“, hat er gesagt: „Ganz vorzüglich, vorzüüüglich, Ich hab nur nie gewusst, dass ich ein so langweiliges Stück geschrieben habe!“

Das Interview führte

Malve Gradinger.

Informationen:

Öffentliche Generalprobe: 26. 6., 19 Uhr; Premiere: 30. Juni, 20 Uhr; Vorstellungen Di.- Sa. 20 Uhr, So. 19 Uhr; Schulvorstellungen: 6., 7., 13. und 14. 7., jeweils 11 Uhr; Karten 089/ 55 23 42 22.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Aerosmith: Heute Konzert auf dem Königsplatz 
Die Vorfreude steigt - am Freitagabend rocken Aerosmith den Königsplatz. Vorab zeigte sich die Band schon in guter Form. Mit dabei sind auf dem Königsplatz außerdem …
Aerosmith: Heute Konzert auf dem Königsplatz 
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert

Kommentare