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Henning Mankells Auseinandersetzung mit seiner Krebserkrankung ist auch eine philosophische Spurensuche.

Der neue Mankell

Auf der Denk-Reise

München - Henning Mankell legt mit „Treibsand“ kein Trauerbuch vor, sondern seine Ideen zu „Was es heißt, ein Mensch zu sein“.

„Ich kann keinen Punkt setzen, weder durch einen tödlichen Ausgang, noch durch eine vollständige Genesung. Ich befinde mich mitten im Prozess. (...) Aber das habe ich durchgemacht und erlebt. Die Erzählung hat kein Ende. Sie findet statt. Hiervon handelt dieses Buch. Von meinem Leben.“ „Treibsand“ heißt das neue Werk von Henning Mankell, kein Kriminalroman, keine sonst wie geartete Fiktion, sondern der formulierte Daseins-Gedankenstrom eines Künstlers, der erfahren hat, dass die Sterblichkeit ganz ganz nahe an ihn herangerückt ist. Anfang 2014 wurden ein Tumor im linken Lungenflügel und Metastasen im Nacken entdeckt.

Die Auseinandersetzung mit der Krankheit beginnt mit der lange dauernden Behandlung – mit dem verflossenen, dem gegenwärtigen Leben und dem Tod. Die Idee vom tückisch verschlingenden Treibsand, dem man ausgeliefert ist, war die erste Reaktion, „Was es heißt, ein Mensch zu sein“, so der Untertitel des Bandes, die zweite; eine Confessio, die den schwedischen Schriftsteller (Jahrgang 1948) weggezogen hat vom Treibsand, den er als Angst-Symbol entlarvt.

Mankell bekennt sich im Buch immer zur ethischen Position, gesellschaftlich etwas zum Guten verändern zu wollen. Ein Antrieb, der ihn seit jungen Jahren geleitet. Diesen Buben, den die Mutter verlassen hat, der beim Vater, einem Richter, aufwächst, und der einen sehr eigenen Kopf hatte. Als  junger Bursch’ schmeißt er die Schule und geht nach Paris, schlägt sich durch, ist bettelarm, arbeitet – lernt eben anders. Solche Episoden aus seiner Vita, die für Mankell eine  für  sein Leben prägende Situation ausmachen, reiht er in bunter Vielzahl fast wie Bilder einer Moritat aneinander. Erzählen und Zeigen, Erinnern und Darüber-Sprechen sind Leben. Sie deuten nach hinten in die Vergangenheit und ziehen nach vorne in die Zukunft.

Der Autor möchte keine abgerundete, statische Autobiografie anbieten. Er konstruiert vielmehr ein flexibles Geflecht, an dem er weiterarbeitet. Ein Traum, den er seit der Krebserkrankung öfters hat, versetzt ihn in ein Gewimmel von Menschen, unbekannte – und doch fühlt sich Henning Mankell unter ihnen leicht. Damit endet – sozusagen vorläufig – sein Werk bei der wichtigsten Größe in seinem Denken und Empfinden: beim Menschen. Nicht bei „dem“ Menschen als ideologischer Nummer, sondern beim tatsächlich einzigartigen Individuum.

Neugierig ist der Schriftsteller auf die Menschen vor 40 000 Jahren genauso wie auf die etwa des Mittelalters und natürlich besonders auf die von heute. Ihn bewegen tief die künstlerischen Leistungen aus unserer Vorzeit, ob es nun um Höhlenmalerei oder um Plastiken geht, weil damit ein Kontakt über Jahrtausende hinweg möglich ist. Denn für Mankell ist Kunst in jeder Form, die Liebe zum Wissen, Lernen und Bewahren der Kern des Menschseins. Diesen extrem langen Strahl in die Vergangenheit kontrastiert er mit einem ebenso langen in die Zukunft. Aber in den Höhlen, die wir Heutigen ausstatten, werden unsere Nachkommen keine Kunst finden: Sie werden sie keinesfalls betreten dürfen, weil dort unser Atommüll lagert. Ein Thema, das Mankell heftig umtreibt: „Dass Gesellschaften und Zivilisationen nicht aufräumen, bevor sie verschwinden, wissen wir. Aber noch hat keine von ihnen Abfall hinterlassen, der heimlich für Tausende von Jahren seine Gefährlichkeit beibehält.“

Man darf sich „Treibsand“ nicht als drohenden Problem-Schlund vorstellen. Der Schwede schreibt wie immer gut verständlich und unterhaltsam. Leserfreundlich steigt er mit Episoden, Anekdoten, Erinnerungsfetzen oder Abenteuern ein und entwickelt daraus seine Denk-Reisen, seine philosophische Spurensuche, seine soziopolitische Sensibilität. Das ist nie theorielastig, sondern lebenswarm pragmatisch: Wir lernen den Theaterleiter und -liebhaber kennen, etwa bei einer „Lysistrate“-Inszenierung speziell für Mosambiks Hauptstadt Maputo in der Postbürgerkriegs-Phase. Wir lernen das Kind kennen, das selig wegschwebt im Dorf-Zirkus. Wir begegnen dem Historiker, der noch auf einer menschenleeren Schäre Entdeckungen macht. Und vor allem dürfen wir einem Mann begegnen, der von Herzen bewundern kann, der seine Begeisterung mitreißend mit uns teilt – obwohl oder weil er an Umweltvernichtung, Brutalität und Tod nicht vorbeischaut.

Simone Dattenberger

Henning Mankell:

„Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein“. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay Verlag, 383 Seiten; 24,90 Euro.

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