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Henrik Wiese liebt nicht nur das Flöten-, sondern auch das musikhistorische Detektivspiel.

Merkur-Gespräch

Mozart auf der Spur

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München - Henrik Wiese, Solo-Flötist beim Symphonieorchester des BR, über die Jagd des Praktikers auf Noten-Fehlerteufel.

Es ist ja nicht nur das „F“. Jener ungewohnt fehlende Buchstabe, weshalb man Mozarts 35. Symphonie nun plötzlich „Hafner-Symphonie“ schreiben soll. Einfach, weil es der Meister damals so getan hat – und weil sich der Widmungsträger Sigmund Haf(f)ner, Bürgermeister von Salzburg, eben so buchstabierte. Aber Henrik Wiese hat sich noch aus ganz anderen Gründen mit der Partitur beschäftigt. Viele Wochen hat er darüber gebrütet, die Analyse erschien im Verlag Breitkopf & Härtel. An sich wäre so etwas kaum verwunderlich. Wiese ist allerdings nicht Musikwissenschaftler im Hauptberuf – sondern Solo-Flötist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Und das Ergebnis ist diese Woche unter Leitung von Mariss Jansons mit seinem Orchester zu hören.

Ein Musiker mit noch ganz anderen, ungeahnten Ambitionen also. „Ich habe den gedruckten Ausgaben schon immer misstraut“, sagt Henrik Wiese. Los ging es vor einigen Jahren mit Werken für sein Instrument. Quellen für Flöten-Literatur besorgte er sich, ein Aufsatz in einer Fachzeitschrift folgte. Und bald wurde ein Verlag auf Wieses Forscherdrang aufmerksam. Die „Hafner-Symphonie“ konnte in Angriff genommen werden, derzeit sitzt der 43-Jährige an Mozarts „Linzer Symphonie“, die große g-Moll-Schwester folgt bald – „das ist für mich als Herausgeber natürlich ein Höhepunkt“.

Wiese geht es dabei nicht unbedingt ums penible Korrigieren einzelner Noten, um mögliche Fehler bei bisherigen Ausgaben. Im Falle der „Hafner-Symphonie“ hat er zum Beispiel die verschiedenen Werkstadien dargestellt. Und empfohlen, man solle doch Mozarts Marsch KV 408/2 dazu spielen, wie es mal gedacht war. Genau das wird Mariss Jansons nun tun.

Henrik Wieses wichtigstes Anliegen ist aber ein ganz anderes. Aus der Sicht des Praktikers, des ständig geforderten Orchestermitglieds schaut er auf  die  Seiten  mit   den vielen schwarzen Punkten und Hälsen. Manchmal nämlich muss an den widersinnigsten Stellen umgeblättert werden, da sollten sich doch die Notenzeilen anders zurechtrücken lassen. Und manchmal sitzen gerade die Bläser 50 Takte untätig herum, müssen im Stillen mitzählen (was auf der Langstrecke Fehler provoziert) – ein paar Informationen über das, was sich in den anderen Stimmen gerade tut mit sogenannten „Stichnoten“ wären da ganz angenehm.

Allein fürs genaue Durchlesen einer Partitur benötigt Henrik Wiese eine Woche. Warum er all diese Fieselarbeit auf sich nehme? „Ich will einfach die Zuverlässigkeit des Musikers verbessern.“ In den vergangenen 200 Jahren seien die Orchesterstimmen kaum verbessert worden. Eigentlich ein Unding, werden doch gerade die Mozart-Hits ständig aufgeführt.

Es versteht sich von selbst, dass Wiese, der 2006 vom Bayerischen Staatsorchester zum BR wechselte, diese Woche bei den beiden Konzerten dabei ist. Und noch mehr: Auch am kommenden Samstag ist er aktiv, dann allerdings an der Rampe. Beim Solistenkonzert im Prinzregententheater mit Mariss Jansons, übrigens das erste des aktuellen Merkur-Konzertabos, präsentiert Wiese mit seinem Kollegen Lukas Maria Kuen das „Concerto doppio“ von Erwin Schulhoff – und ist vor Beginn auch noch Gast bei der Konzerteinführung.

Doch zunächst einmal gilt alle Aufmerksamkeit Mozarts „Hafner-Symphonie“. Die beiden Abende heute und morgen im Herkulessaal mit Wieses Chefdirigent bieten noch aus einem anderen Grund eine Ausnahmesituation. Normalerweise, so Wiese, verlasse sich ja der Dirigent auf die Partitur als Botschaft des Komponisten. Nun gebe es da noch einen anderen, der aus dem Orchester heraus für eine weitere Diskussionsgrundlage sorge. „Für Mariss Jansons und mich ist das eine völlig neue Situation. Manche Dirigenten könnten das als Untergraben ihrer Autorität auffassen, bei Herrn Jansons ist das überhaupt nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Das zeugt von Größe.“

Konzerte und Gespräch:

Donnerstag und Freitag Konzerte im Münchner Herkulessaal, Karten: 089/ 590 01 08 80; am Samstag ist Wiese Solist und ab 19 Uhr Gast bei der Einführung zum ersten Konzert des Merkur-Abos (Gartensaal), Moderation: Markus Thiel; Konzertbeginn im Prinzregententheater: 20 Uhr.

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