Der Herausforderer ist gegangen

- Immer wieder ging er weg - vom Theater, von "seinem" Ensemble, der Truppe um Dieter Dorn, die er liebte, aber auch öfters knurrig auf Distanz hielt; und immer wieder kehrte er zurück. Nun wird Helmut Griem nie mehr zurückkehren können, am Freitagvormittag starb er an einer Krebserkrankung in München, wo er lebte. Noch bis zum Sommer hatte man sich gefreut auf ein Heimkommen, wollte doch Griem zusammen mit seiner langjährigen Bühnenpartnerin Cornelia Froboess in Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" spielen; zunächst bei den Salzburger Festspielen, dann am Münchner Residenztheater.

Man probte bereits. Die Krankheit zwang Helmut Griem zum Verzicht, an einen neuerlichen Versuch im Herbst war nicht zu denken. Aber Dieter Dorn, Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, hielt die Tür für einen der wichtigsten Protagonisten seines Theaters weiter offen, die Fortsetzung der Zusammenarbeit beschwörend. Griem sollte in der letzten Szene des gerade geprobten Botho-Strauß-Stücks "Die eine und die andere" auftreten.<BR><BR>Helmut Griem, am 6. April 1932 in Hamburg geboren, kam in den 50er-Jahren zum Theater und wurde schnell d e r Held, schön und stolz, herb und herrisch, unter makelloser Oberfläche sensibel und verletzlich. Aber die perfekte "tragische" Figur schlechthin reichte Griem nicht, er war genauso ein hinreißender Komödiant - etwa als Tellheim in "Minna von Barnhelm" oder in "Klotz am Bein" jeweils mit Froboess, jeweils in Dorns Kammerspielen. Auch das reichte dem Künstler nicht, dessen politisches Bewusstsein sehr ausgeprägt war. Vielleicht geben die Filme von Wisbars "Fabrik der Offiziere" über Viscontis "Die Verdammten" und Fosses "Cabaret" bis Ruffios "Spaziergängerin von Sanssouci" da am deutlichsten Auskunft. Allerdings auch das entfesselte Spiel, mit dem er den verkrüppelten Seher Thersites in Shakespeares "Troilus und Cressida" charakterisierte: Es war ein Anti-Kriegs-Fanal, ein Aufbäumen gegen die Dummheit.<BR><BR>Diese zutiefst kritische Haltung hinderte den Schauspieler nicht, der mit seiner Kunst die Menschen bewegen wollte, "sich selbst auf die Schliche zu kommen", zugleich die leichte Muse zu pflegen, etwa als Higgins in "My Fair Lady" (Gärtnerplatztheater) oder als Regisseur, der locker-freche oder thrillerartige Bühnenkost bot ("Seid nett zu Mr. Sloane", "Die schöne Fremde"). <BR><BR>Als Münchner hatte man das Privileg, Helmut Griem nicht nur auf der Filmleinwand zu bestaunen oder auf dem Bildschirm (am 8. Dezember ist er in der ARD in "Liebe auf Bewährung" zu sehen), sondern vor allem auf der Bühne des Schauspielhauses und des Residenztheaters. Bei seinem Tellheim schmolzen Frauenherzen, und viele hätten zu gern mit Lessings Minna (1976) getauscht. Und auch zehn Jahre später war sein scheinbar zynischer, ach so dünnhäutiger Astrow in Tschechows "Onkel Wanja" ein Frauenliebling. <BR><BR>Seine Faust-Interpretation (Regie: Dorn) ist bereits ein Monument geworden, obwohl oder weil er das Denkmal Faust demontierte - liebevoll, witzig und sehr gescheit. Da konnte er in einer einzigen Rolle alt und grantig u n d jung und elegant sein. 

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