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„Für sie ist er der Star aus einer anderen Welt“: Don Giovanni (Mathias Hausmann) verführt Zerlina (Sophie Mitterhuber).

Interview zur Gärtnerplatz-Premiere

Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“

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Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert Föttinger tut. Der Direktor des Theaters in der Josefstadt inszeniert gerade in München Mozarts Oper.

München - Seit über zwanzig Jahren hat Herbert Föttinger sein Künstlerleben mit dem Theater in der Josefstadt verknüpft. Zunächst als Schauspieler, ab 2006 auch als Direktor. Eine Wiener Institution ist dieser Mann also. Und ab und zu gestattet sich der 55-Jährige einen Seitensprung Richtung Oper. Derzeit inszeniert er fürs Gärtnerplatztheater Mozarts „Don Giovanni“. Premiere ist am kommenden Samstag im Cuvilliéstheater, Marco Comin dirigiert.

Ist Don Giovanni eine reale Person oder eine Art Prinzip, eine Projektionsfläche für andere?

Er ist für alle Beteiligten eine Projektionsfläche. Deswegen mochte man diese Figur im 18. Jahrhundert ja auch so besonders, weil sie ein Konglomerat aus Freiheit, Anarchie, Verführung und Sex ist. Frauen wollen einen solchen Mann. Und als Mann beneidet man ihn, weil er all das tut, was wir uns in unserer wohltemperierten Gesellschaft nicht mehr trauen.

Frauen wünschen sich einen solchen Mann? Einen, von dem sie wissen, dass er spätestens nach ein paar Wochen eine andere hat?

Ja, weil die jeweilige Frau immer hofft, dass sie die eine ist, bei der er ewig bleibt. Donna Anna würde ihm sogar den Mord an ihrem Vater verzeihen. Für Zerlina ist er der Star aus einer anderen Welt, der eine ihr fremde Lebensform ermöglichen könnte. Die Frauen reizt das Spiel mit dem Feuer, weil sie glauben, dass sie es löschen könnten. Auch wenn sie womöglich wissen, dass sie betrogen werden, gibt Don Giovanni ihnen in den gemeinsamen Augenblicken so viel Zuwendung, so viel Würde, dass man alles hinschmeißt, um dieses kurze Glück zu genießen.

Leporello hat Giovannis Affären zusammengerechnet, es sind 2065. Brennt Giovanni nach diesem Pensum noch für jede einzelne Frau?

Ich glaube, er hat sich ein Projekt vorgenommen. Womöglich sollen es 5000 werden. Das ist kein Sport, das ist für ihn größer, eine Art Gesamtkunstwerk. Das große Giovanni-Projekt. Und trotzdem gibt es schwere Ermüdungserscheinungen. Er fordert die Welt heraus, und alle erweisen sich als zu schwach. Also geht er auf Konfrontationskurs zu einem Toten, weil keiner Giovanni sonst ebenbürtig ist. Er fordert letztlich Gott heraus, den Mann am Kreuz. Das ist für mich der Komtur. Ich kann das auf der Bühne nicht zeigen, aber ich glaube, dass Giovanni am Ende in ein Auto steigt und mit 250 gegen eine Wand fährt, um zu schauen, was dahinter ist.

Das klingt nach Jörg Haider.

Es ist genau so was. Der Unterschied ist nur: Herr Haider war total betrunken, Giovanni ist vollkommen klar.

Macht es Mozart dem Regisseur leicht?

Ja, zumindest bei „Don Giovanni“. Weil Mozart so psychologisch konzipiert und trotzdem Freiräume lässt. Und weil er seine Figuren unendlich liebt. Es gibt keine Guten und keine Bösen in diesem Stück.

Wer hat Sie eigentlich zur Oper gebracht?

Roland Geyer, der Intendant des Theaters an der Wien. Er meinte, Nikolaus Harnoncourt habe sich gewünscht, dass ich Beethovens „Fidelio“ inszeniere. Die Premiere war 2013. Ich weiß nicht, wer wem da was eingeredet hat. Aber irgendwie hatte ich mir es schon erträumt, dass so etwas passiert.

Ohne Ihnen als Schauspieler zu nahe zu treten: Regisseure schwärmen gern von Sängern, die viel leichter als Schauspieler zu inszenieren seien.

Sänger sind immer super vorbereitet, aber nicht so kreativ in ihrer Spielfreude wie Schauspieler – mit Ausnahmen natürlich. Der Sänger hat im Gegensatz zum Schauspieler etwas, mit dem er quasi natürlich punkten kann, das sind die schönen Töne. Jeder Sänger weiß, dass es unterm Strich egal ist, mit welcher Intensität er sich den Kopf gestreichelt oder eine andere Geste ausgeführt hat. Wenn der Moment schlecht gesungen ist, bleibt Letzteres hängen. Ein Schauspieler hat immer ein großes Problem: Er muss auf der Probe erst die Partitur erfinden.

Wiener Theaterinstitution: Herbert Föttinger, Direktor der Josefstadt.

Sind Sie manchmal neidisch auf Sänger?

Ich glaube, ich bin grundsätzlich nicht neidisch. Auch nicht als Theaterdirektor, wenn ein anderer eine bessere Inszenierung macht. Ich freu’ mich sogar über so etwas.

Welches Theater-Biotop haben Sie sich in Wien mit der Josefstadt erobert? Warum kommen die Leute zu Ihnen?

Die Josefstadt war ein sehr konservatives Haus. Sie hat solche ästhetischen Häutungen wie etwa das Burgtheater nie mitgemacht. Der frühere Direktor Otto Schenk hat das offensiv benutzt und gesagt: „Die Leute, die bei Claus Peymann an der Burg kündigen, sind mein Publikum.“ So etwas liegt mir nicht. Peymann war überhaupt ganz entscheidend für die Wiener Theaterentwicklung, weil er gezeigt hat, dass es auch andere Lösungen auf der Bühne gibt – wurscht, was es kostet. Mein Theater ist kein Touristenhaus. Bei mir geht’s grad bis Hollabrunn. Ich glaube, dass es mir gelingt, einen so ausgeglichenen Spielplan zu machen, dass das Emotionale der Besucher befriedigt und gleichzeitig Interesse an Neuem geweckt wird. Dass ein Nestroy mehr anlockt als eine Turrini-Uraufführung, steht außer Frage.

In Österreich wird im Oktober gewählt. Fürchten Sie, dass sich durch die wahrscheinliche Koalition von ÖVP mit der rechtsextremen FPÖ die Rahmenbedingungen für die Kunst ändern?

Ich habe große Befürchtungen, wenn ich mir die österreichischen Politiker so anschaue. Und damit meine ich nicht allein die Rechten um Herrn Strache. Ich habe das Gefühl, dass gerade über alles gesprochen wird, nur nicht über die Kultur. Es wäre recht interessant, wenn sich unser künftiger Kanzler Herr Kurz auch mal zu diesem Thema äußern würde. Aber für ihn ist halt nur wichtig, dass man nach Blockierung der Balkanroute auch das Mittelmeer sperrt. In dieser Beziehung finde ich übrigens Frau Merkel interessanter. Sie weiß, dass man für Afrika etwas tun muss.

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