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Gegen Gott und die Welt begehrt Don Giovanni auf, hier Mathias Hausmann in der Titelpartie.

Premierenkritik

Don Giovannis Kampf mit Gott

Die vielen Frauen genügen ihm nicht mehr, als finale Herausforderung sucht dieser Don Giovanni den Kampf mit dem Gekreuzigten. Herbert Föttinger inszenierte Mozarts Oper fürs Münchner Gärtnerplatztheater, Premiere war im Cuvilliéstheater.

München - Schon während der Ouvertüre im Münchner Cuvilliéstheater wird klar: Der Mann hat sich was vorgenommen. Don Giovanni steht lässig mit Fluppe im Mund und Dandylocke in der Stirn dem Gekreuzigten gegenüber. Er nimmt ihn ins Visier, fordert ihn heraus, worauf die Blitze toben. Für Regisseur Herbert Föttinger, der Mozarts „Don Giovanni“ für das Gärtnerplatztheater inszenierte, ist dieser Mann kein nach Sex lüsterner Charmeur, vielmehr ein Getriebener. Die Drehbühne von Walter Vogelweider macht das beklemmend deutlich. Alle Straßenfluchten und Türen sehen nahezu identisch aus, die Uhr hat keine Zeiger. Es gibt keinen Ausweg. Don Giovanni ist die ewige Projektionsfläche der sexuellen und menschlichen Sehnsüchte (ähnlich der Lulu von Wedekind/ Berg), der Quell, den jeder auf seine Weise dazu nutzen kann, seinen Durst nach Wärme, Liebe, Lust, Anerkennung zu stillen.

Föttinger zieht seinen Ansatz konsequent und mit schlüssigen Bildern durch. Donna Anna wurde sicher nicht von Don Giovanni vergewaltigt. Die gerade Verführte bespringt den sie Verlassenden geradezu, möchte ihn unbedingt zum Bleiben nötigen. Sie weiß von Beginn an, dass er der Mörder ihres Vaters ist. Dennoch küsst sie ihn bei ihrem erneuten Wiedersehen leidenschaftlich. So groß ist ihre Gier nach der Liebe dieses Mannes. Denn Ottavio ist so ein Schwächling, dass er selbst an der Entsorgung der Leiche des Komturs scheitert. Dies ist der einzige Bruch zwischen Musik und Szene, Lucian Krasznec verfügt über ein dramatisches Stimmpotenzial, das sich mit der Mentalität dieses Weicheis nicht deckt. Sophie Mitterhuber als Zerlina weiß genau, wie sie ihren Masetto (Matija Meić) wieder versöhnlich stimmt: mit Körpereinsatz und glockenklarer Stimme, mit der sie die lyrischen Bögen zart und nuancenreich auskostet. 

Marco Comins letzte Premiere als Chefdirigent

Gegenüber Don Giovanni werden sie aber alle schwach, dafür muss er gar nicht viel tun. Ein bisserl Blütenzauber, ein bisserl Alkohol – schon läuft die Geschichte. Kein Wunder eigentlich, dass ihm das zu fad wird. Er will den Kampf mit Gott und freut sich sichtlich, als der Komtur zum Essen vorbeikommt; bei Föttinger eine Christusfigur, wie sie am Karfreitag im Grab liegt. Sergii Magera singt den Komtur dazu machtvoll dröhnend aus dem Proszenium. Es ist packend, wie Giovanni sich um diese Figur bemüht, ihr körperlich nahe sein will, sie vielleicht zu seiner Projektionsfläche machen möchte. Er verliert den Kampf und erschießt sich. Lächelnd. Erleichtert. Erlöst? Und die anderen? Sie suchen traurig nach ihm, ohne den sie nicht sein können. Ein fatales Ende, konterkariert durch Mozarts jubelnde Musik.

Marco Comin dirigiert bei seiner letzten Premiere als Chefdirigent so facettenreich und lebendig, dass auch die oft gehörten Stücke Neues an Klanglichkeit und Dramatik eröffnen. Von einer kleinen Unsicherheit mit der heiklen Bühnenmusik abgesehen agieren Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz hochpräzise. Schlank, sehnig, agil klingt dieser Mozart und dabei immer reich an Wärme und kantabler Schönheit. Camille Schnoor wirft sich voll in die Rolle der Elvira. Mit stimmlichem Furor bringt sie jeden Funken an Leidenschaft dieser lodernden Frau über die Rampe. In der Arie „Mi tradì quell’alma ingrata“ ist diese Power allerdings nah am Überdruck. Levente Páll ist ein grundsympathischer Leporello. Schade, dass in seiner Registerarie mit Laptop nur Models veranschaulichend auf die Bühne projiziert werden, da sein Herr doch auch Arme und Hässliche bedient. Die eher lyrische Stimme Jennifer O’Loughlins passt ideal zum Rollenbild der Donna Anna und macht „Non mi dir“ zum gesanglichen Höhepunkt des Abends.

Mathias Hausmann meistert die Titelpartie stimmlich mit traumwandlerischer Sicherheit. Im Spiel wirkt er stellenweise zu cool, zu undämonisch. Großer Applaus für alle Beteiligten. Die Vorfreude auf den Wiedereinzug im Oktober ins sanierte eigene Haus wächst und wächst.

Von Maximilian Maier

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