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Blickt auf rund 40 Jahre Bühnenerfahrung zurück: Herbert Grönemeyer.

Interview

Herbert Grönemeyer: "Ich bleibe optimistisch"

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München - Es war eines der erfolgreichsten Jahre für Herbert Grönemeyer: Über eine halbe Million Menschen kamen zu den 28 Konzerten der „Dauernd Jetzt“-Tour. 2016 gibt es die Fortsetzung – etwa am 5. Juni auf dem Münchner Königsplatz. Ein Gespräch über die Flüchtlingsfrage, Pegida – und was Kunst tun kann.

Vor zwei Monaten haben Sie bereits auf dem Königsplatz gespielt. Das Konzert für Flüchtlingshelfer.

Ja, es war wirklich ein magischer Abend. Die Sportfreunde Stiller haben das wahnsinnig liebevoll organisiert. Wir hatten das selber auch probiert, in Berlin hinzukriegen – das war total kompliziert. Doch hier in München haben sie das mit solcher Liebe von Hand gemacht – und so lief der Abend dann auch. Wir konnten den Menschen, die sich ja freiwillig engagieren, sagen: Wir singen hier nur, aber wir möchten Euch damit zeigen: Wir kriegen mit, was Ihr tut, und wir finden das toll. Das ist dann wieder so eine Münchner Qualität. Ohne jetzt lobhudeln zu wollen, aber da gibt’s dann eben dieses Pragmatische, Schnelle, ohne große Profilneurosen, das machen die dann einfach.

In München spielten Sie für Willkommenshelfer, in Dresden gegen Pegida. Ein ziemlicher Kontrast.

In Dresden war der Versuch, den Leuten zu vermitteln: Denkt mal darüber nach, worum es Euch eigentlich geht. Wenn Euch was nicht passt, dann ist das Euer gutes Recht. Aber überlegt mal, auf wen Ihr das kanalisiert! Pegida hat ja zum Teil irrsinnige Typen, die da rumtröten. Doch es ist auch klar: Das sind nicht alles Dumpfbacken. Man muss aufpassen, dass man nicht alle über einen Kamm schert. Die Leute haben das Gefühl, nicht gehört zu werden. Das stimmt ja vielleicht auch. Doch wir alle müssen begreifen: Das ist eine Situation, die ist außergewöhnlich und komplex, kann aber auch sinnstiftend sein für eine Gesellschaft, so komisch das klingt. Dazu muss man schauen: Wie kriegt man eine Gemeinschaft hin und bricht nicht auseinander. Das wäre ja das Allerabsurdeste, wenn das jetzt passierte.

Aber passiert es nicht schon langsam?

Vorweihnachtliches Treffen: Herbert Grönemeyer und Katja Kraft.

Ich glaub’ das ja nicht.

Was glauben Sie?

Nun, dass viele Menschen unsicher sind in vielen Dingen, das verstehe ich. Doch sollte man nicht unterschätzen, dass jetzt die am lautesten sind, die die Situation politisch nutzen wollen. Man muss aufpassen, dass man sich von dieser Pöbelei nicht beeindrucken lässt. Denn es gibt auch einen unglaublich großen Teil der Gemeinschaft, der dem Thema positiv gegenübersteht. Ich meine – wir sind seit 25 Jahren wiedervereinigt, wir haben durch die Wiedervereinigung sicherlich auch komplizierte Verhältnisse. Aber dass sich so eine Gesellschaft dann hinstellt und sagt: Wir sehen die Not! Die Letzten, von denen man das erwartet hätte, wären die Deutschen gewesen.

Sie sind ein Künstler, der sich politisch äußert. Haben Sie – gerade nach Paris – Angst bei Konzerten?

Ängste hat man bei Konzerten immer. Man geht schon mit Respekt auf die Bühne. An sich sind meine Konzerte sehr fröhlich, ich halte ja keine Vorträge von der Bühne runter. Aber ich war schon oft bei manchen nicht sehr wohl gelitten. Etwa, als ich in den Neunzigern ein Jugendheim für rechte Jugendliche eröffnet habe, da haben mich viele für bekloppt erklärt. Das ist für mich vergleichbar mit Pegida. Es sind Menschen, die nach der Wiedervereinigung das Gefühl hatten, nicht gesehen zu werden.

Hätten Sie gedacht, dass die Flüchtlingslieder, die Sie vor über einem Jahr geschrieben haben, so eine Aktualität bekommen?

Dass es das Thema ist, das uns in den nächsten Jahren beschäftigt, das war mir klar. Ich glaube nach wie vor, dass die Welt in den nächsten 100 Jahren zusammenrückt. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Ich-AGs. Jeder dachte nur an sich. Jetzt begreift der Mensch, dass er verlernt hat zuzuhören. Aber das kommt wieder, weil es eine Sehnsucht ist. Ich glaube, die Menschen werden am anderen wieder mehr Anteil nehmen. Die wollen was Menschliches erleben, Nähe. Ja, wir werden näher zusammenrücken.

Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Erst mal bin ich ein Menschenfreund und habe in meiner eigenen kleinen Welt erlebt, wie mir Menschen in schweren Situationen geholfen haben. Die Welt ist nicht nur eine Katastrophe, sondern hat auch andere Seiten. Mein Vater war ein unheimlicher Lebens- und Menschenfreund. Dem wurde sein Arm abgeschossen in Stalingrad, der hat seinen Vater als Kind verloren, aber der hat sich nicht beirren lassen. Der hat das Leben geliebt. Ich sehe das ähnlich. Das heißt nicht, dass ich eine rosarote Brille aufhabe. Doch auch diese Reaktion in Deutschland hat mich bestätigt. Wir müssen das jetzt anpacken.

Nun geht’s wieder auf Tour. Bauchpinselt Sie das noch, dass Ihre Konzerte so schnell ausverkauft sind?

Ja, man ist jedes Mal wieder verblüfft, dass die Leute kommen. Das tut einem irre gut und gleichzeitig ist man baff. Und sagt sich: Genieß’ das jeden Abend, denn es ist ein großes Glück, das du da geschenkt bekommst. Da kommen 10 000 Leute und man denkt: Alle meinetwegen?

Nicht schlecht, oder?

Ja, nicht schlecht, ne? (Lacht.)  Doch, das ist schön.

Sie machen nicht nur Konzerte. In diesem Jahr haben Sie „Faust“ vertont. Könnten Sie sich mehr solcher Projekte vorstellen?

Grundsätzlich gerne. Ich würde auch gern ein Musical schreiben, doch ich hab’ keinen Stoff. Und ein Musical mit meinen Liedern möchte ich nicht machen. Das ist mir zu aufgekocht. Ich gehe schon immer in Buchhandlungen und frage die Verkäuferinnen: Was ist Ihr liebster Roman oder Liebesroman?

Sie haben selbst viel über die Liebe geschrieben. Was ist Ihre schönste Zeile über dieses Gefühl?

Oh, Mist.... (Stöhnt.)

Das war sie nicht...

(Lacht.)  O Gott! (Denkt lange nach.) Boah, das ist ja eine richtig schwere Frage jetzt.

Ist die Liebe das Thema Ihres Lebens?

Ja, das hoffe ich! Man beschäftigt sich am Tag ja relativ viel immer schubweise mit seiner Beziehung; mit dem, was man gern möchte, wovon man träumt. Das ist schon sehr bestimmend – auch für die eigene Stimmung am Tag. Und das treibt einen an. Nicht, dass man sagt: Ich warte auf die große Liebe. Sondern sich immer wieder mit seiner eigenen Emotionalität auseinanderzusetzen.

Und wie bekommen wir Liebe in diese Welt?

Haben Sie einen Stift? Wir gehen da folgendermaßen vor! (Lacht.)

Was können Sie als Künstler tun?

Ich glaube, dass Musik schon ganz stark Emotionen hervorruft. Insofern stärken wir als Musiker die Empathiefähigkeit. Das ist ja die Hoffnung, dass man, egal wie frustriert oder alt man wird, nicht aufhört, offen zu bleiben, wenn einem einer gegenübertritt mit einer Emotion. Das ist jetzt genau der Punkt. Jeder schottet sich ab, nach dem Motto: Hauptsache, ich komme aus der Nummer heil raus. Doch das ist überflüssig, denn das gelingt sowieso nicht. Man muss sich die Frage stellen: Wie schafft man es, den IS-Leuten gegenüberzutreten, bevor man einfach um sich ballert. Wir können natürlich auch nicht sagen, wir gehen dahin und umarmen die von morgens bis abends. Aber trotzdem muss man denen ja zuhören. Das war so ähnlich bei der Wut der Jugendlichen in Leipzig. Doch auch da musste ich feststellen: So schnell geht das nicht. Wir haben es geschafft, dass die Aggression da raus war, das hat aber sieben Jahre gedauert – bei 25 Leuten.

Das ist nicht sehr aufbauend...

Nein, das ist aufbauend, weil man sich dann mal klar macht: In welchen Zeitabständen denken wir? Das sind nicht Sachen, die du mal eben westlich-ingenieurmäßig abhandelst. Das sind langwierige Prozesse. Alle schreien, die wollen das schnell erledigen. Nee, das ist nicht schnell zu erledigen. Darauf muss man sich einstellen und dann nimmt man das, glaube ich, auch ganz anders wahr. Ich bleibe optimistisch und lasse mir das nicht nehmen.

Das Konzert

findet am 5. Juni 2016 auf dem Münchner Königsplatz statt. Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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