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4020 Sekunden Glück

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Von: Katja Kraft

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Schatten im Blick: Herbert Grönemeyer schaut sich die politische Situation in Deutschland genau an – und scheut nicht davor zurück, Kritik zu üben. © Foto: Antoine Melis

Gerade ist Herbert Grönemeyers neues Album „Tumult“ erschienen. Am 19. und 20. März kommt er für zwei Konzerte in die Münchner Olympiahalle.

Ob die große Brille auf der schmalen Nase wirklich vorteilhaft ist? Nun ja. Macht nichts. Schaut Herbert Grönemeyer damit auch aus wie eine lustige Eule, erfüllt sie doch ihren Zweck: Durch sie sieht er klar. Was in Zeiten wie diesen gar nicht so einfach ist. Denn seien wir ehrlich – obwohl wir in Deutschland heute so gut informiert sind wie in keinem Zeitalter zuvor, wissen wir am Ende doch gefährlich wenig. Meinen dafür aber umso mehr. „Es wird laut gedacht/ Alles ist erlaubt/ es lallt und hallt von überall/ jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt/ es wird gejagt ohne Moral“, singt Grönemeyer in „Fall der Fälle“. Das ist die Stoßrichtung des neuen Albums – Schluss mit all dem dummen Geschwätz, das in Hass abdriftet! Auf gut Westfalen-Deutsch: Vorm Losplärren ein bissken denken schad’t nix.

Grönemeyer war schon immer ein Künstler, der seine öffentliche Präsenz nutzte, um politische Statements zu setzen. In Liedertexten von „Kinder an die Macht“ (1986) über „Flüsternde Zeit“ (2007) bis „Feuerlicht“ (2014), auf Konzerten für Flüchtlingshelfer oder gegen Pegida. „Wir gehn stabil auf den Nerven“, heißt es in „Taufrisch“, Song zwei auf seinem taufrischen Album „Tumult“. Herbert geht stabil auf die Nerven. Was für ein Glück!

Grönemeyer singt jetzt auch auf Türkisch

Nicht nur für Fans – auch die Herr-Bert-Imitatoren bekommen neues Futter. Türkisch singt er jetzt auch noch! Türkisch? „Danach klingt sein ,Gesang‘ doch eh schon immer“, hört man sie lästern. Aber dann mitgrölen, wenn „Männer“ angestimmt wird, oder „Alkohol“. Vielleicht nervt der Herbert genau deshalb so sehr; weil er immer den Punkt trifft, der was auslöst beim Zuhörer. Sehnsucht, Euphorie, Melancholie, Hoffnung – aber niemals nichts.

Grönemeyer widmet bei seinen legendären Konzerten in der einen Sekunde einer Wurst die schönste Liebeserklärung, die man einer Wurst überhaupt widmen kann – und erinnert in der nächsten an ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer. Er traut seinen Zuhörern etwas zu, hat keine Lust auf Weichspülprogramm. Und doch wirkt seine Musik wärmend wie ein samtweiches Kaschmir-Pullöverchen für all die erkalteten Herzen. Grönemeyer, der Menschenfreund, erinnert uns daran, wofür wir dankbar sein dürfen.

Ein freundlicher Ton im lauten Tumult

Die Mittel neben seiner Stimme, die man lieben oder über die man sich amüsieren kann, variieren seit den Achtzigern von Orchester bis Solo-Gitarre. Wer von den alten Hits nicht genug bekommen kann, findet Anklänge davon auch immer in den neuen Nummern. Erwähntes „Taufrisch“ beispielsweise erinnert an „Mambo“ von 1984. Nur erzählt er in der ebenso energiegeladenen Nummer nicht vom endlosen Auto-Herumgegurke, sondern vom Aufbruch, davon, endlich diesen lächerlichen Verfolgungswahn aufzugeben – und die Herausforderungen, die nun einmal da sind, als Gesellschaft anzugehen. „Der Himmel ist so taufrisch/ wir haben die Hände frei/ gegen Augenwischerei/ gemeinsam sind wir frech“. Ein politisches Statement durch die Hintertür, ein freundlicher Ton im lauten Tumult aus Meinungen über Flüchtlinge, Klimawandel, Lügenpresse.

Großes Gefühl ganz ohne Kitsch

Aber Herbert, das ist eben nicht nur Ins-Gewissen-Singen, Herbert, das ist auch immer großes Gefühl. Das durch seine schnodderige, grundehrliche, bodenständige Art aber niemals kitschig klingt. Mehr Mayo-Krone auf der Pommes als Kirsche auf der Torte. Besonders schön das mitreißende „Seid ihr noch da?“, wieder über einen Tumult – den, der in uns selber wirbelt. Der Tumult der Gefühle. „Träume, seid ihr noch da?“, fragt er darin – und erinnert uns: „Es wird langsam spät.“ Oder die erste Single „Sekundenglück“. Im Hintergrund ein ständiges Ticken. Mit jedem Hören schwappt das Herz etwas mehr über. „Es sind die einzigartigen tausendstel Momente/ das ist, was sich Sekundenglück nennt“, heißt es darin. Das Album ist 67 Minuten lang. Das ist, was man 4020 Sekunden Glück nennt.

Herbert Grönemeyer:
„Tumult“ (Universal).

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