Herbstliches Kurkonzert

- Eindeutig im Vorteil waren BR- und 3sat-Zuschauer. Gemütlich beim Glas Wein oder Bier, dazu Käse oder Chips und eingemummelt in die Sofa-Decke. Gesehen haben sie jedenfalls fast das Gleiche wie jene gut 27 000 Zuschauer im Münchner Olympiastadion, die sich hauptsächlich aufs Video-Bild rechts und links neben der Bühne konzentrierten. Und stimmungsmäßig glich sich der erste, nur 35-minütige Konzertteil ohnehin dem winterlichen Klima an.

Hendl mit Vanillesoße

Doch gottlob gab's ja noch Leben nach der Pause. Als die Söhne Mannheims mit Kuschelrock und wohlerzogenen Texten, die manchmal ungewollt Loriot-Humor streiften, Atmosphäre zauberten. Als danach der Abend in die Kurkonzert-Gerade einbog und Zubin Mehta mit "Traviata"-Trinklied, der "Tritsch-Tratsch-Polka" plus "Unter Donner und Blitz" Neujahrskonzert-Erfahrung in die Waagschale warf. Auch als sich Diana Damrau mit Bernsteins umwerfend gesungenem "Glitter and be gay" endgültig zum Weltstar beförderte. Und als Lang Lang, der seine Frisur offenbar durch einen Starkstrom-Stoß erzeugt hatte, mit Liszt und Gershwin mal kurz in den Klavierzirkus entführte.

"Kulturelle Ouvertüre" zur Fußball-WM, wie die Veranstalter das "Konzert der drei Orchester und Stars" gerne nennen, ist da allzu nett ausgedrückt - gemessen am Aufwand und den Anstrengungen, das Stadion nach schwachem Vorverkaufsstart noch einigermaßen voll zu bekommen. Auf den Rängen also zwischen Fleece und Goldpailletten alles versammelt. Und auf der Bühne ein routiniert aufgekratzter Reinhold Beckmann als Moderator und eine musikalische Mischung, die nach Hendl mit Vanillesoße schmeckte. Was eben dabei herauskommt, wenn man Rock- und Klassikfans zusammenspannen und ihnen Häppchen allseits verträglicher Kost vorsetzen will.

Doch besonders die echten Klassik-Nummern mochten nicht recht zünden. Auch wenn Christian Thielemann mit den Münchner Philharmonikern ein kraftvolles "Meistersinger"-Vorspiel hinlegte und die versammelten Chöre von BR, Staatsoper und Philharmonikern durch einen leicht schlitternden "Einzug der Gäste" aus Wagners "Tannhäuser" lotste.

Kollege Mariss Jansons schien mit Strauss' "Rosenkavalier"-Walzer und einem Pas de deux aus Tschaikowskys "Nussknacker" fürs Filigrane zuständig - was beim BR-Symphonieorchester in Bestform auch gut aufgehoben war. Und Mehta durfte mit dem Staatsorchester im Abschlussmedley sogar den Kollegen den Takt angeben. Was Wunder: Er ist der Älteste und - dank der drei Tenöre - für solche Events gestählt.

Aber trotz Feuerwerk, Aufmarsch der Orchester inklusive Starparade kam man doch ins Grübeln über eine Sache, die von Freistaat und Staatsregierung veranstaltet wurde und als eilends organisierter Ersatz für eine gestrichene WM-Gala herhalten musste. Eine 300-köpfige, diffuse Masse auf der Bühne, das passt mit einem Stadion-Spektakel dann doch nicht zusammen. Auch Open Airs leben ja erst durch Einzelpersonen, die sich effektvoll inszenieren lassen. Davon profitierten der noch immer agile Domingo, besonders Diana Damrau und eben auch die Söhne Mannheims.

Doch wer schon mal im Wagner'schen Klangsturm saß, der wusste, dass ihn an diesem Abend allenfalls ein Lüftchen umfächelte. Auch Lang Lang mochte sich bei Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2 einen Wolf donnern: Der überwältigende Effekt seines Spiels, wie's kürzlich im Gasteig zu erleben war, verpuffte im frühherbstlichen Himmel überm Oberwiesenfeld.

"Der Traum, das Ziel"

Wenn also ein solches Spektakel, dann richtig - oder gar nicht. Also ohne Flachklang, sondern mit einer adäquaten Anlage. Mit ein bisserl mehr Charme, nicht als flott durchgezogene Nummern-Revue. Vor allem ohne "Weltpremiere" von "Willkommen bei uns" aus der Feder von Placido Domingo junior. "Der Traum, das Ziel" durfte da Papa powern - ein dünnes Pathos, dass sich zum Thema WM mühelos fortsetzen lässt: "der Ball, das Geld, die Grätsche, die Schwalbe . . ." Immerhin zwei Gewissheiten brachte der Abend: Das Publikum muss dorthin, wo sich solche Musik immer noch am besten erleben lässt, also in Opern und Säle. Und Beckmann bitte schnell wieder an den montäglichen Talk-Tisch.

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