Herkulesarbeit in Blau-Gelb

- In grünlich-braunem Leder stand 1883 das "Notwörterbuch für Reise, Lektüre, Konversation" in den Regalen, 20 Jahre später schlängelte sich das legendäre "L" in unzähligen Schnörkeln über einen blauen Einband.

Im Lauf der Jahre wurde das Design des "Langenscheidt Taschenwörterbuchs Englisch" schlichter, bis zum Durchbruch 1956: Mit dem eckigen blauen Buchstaben auf gelbem Grund assoziieren inzwischen Generationen den Verlag, der heuer ein doppeltes Jubiläum feiert: 50 Jahre alt ist das Markendesign, und der Verlag selbst begeht seinen 150. Geburtstag.

Die Zentrale in der Schwabinger Parkstadt spiegelt sich in der gläsernen Fassade der "Highlight Towers" gegenüber; ein steinerner Bär vor dem dreistöckigen Bau kündet von den Berliner Wurzeln des Unternehmens. Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt lenkte die Geschicke des Verlags, als dieser wegen des Mauerbaus seinen Sitz schrittweise an die Isar verlegte. "Eine Insel im Roten Meer nannten wir Berlin damals", erinnert sich der heute 85-Jährige, der die für einen Geschäftsmann seines Alters typische Nüchternheit und Sachlichkeit ausstrahlt.

Preußische Tugenden, so heißt es, seien stets Erfolgsgeheimnis im Familienunternehmen gewesen. Tielebier- Langenscheidt indes mag auf Mentalitätsunterschieden nicht herumreiten. "Bayern haben auch Disziplin -da gibt es keine Diskussion." Ihm habe es in München stets gefallen; hier wuchs der Verlag, inzwischen von Sohn Andreas geführt, zum Marktgiganten heran: 255 Millionen Euro betrug 2005 der Umsatz der Gruppe, die auch den Duden und die Brockhaus-Lexika herausgibt. Eine einjährige Bildungsreise durch Europa im Jahre 1850 stand am Beginn der Unternehmensgeschichte. "Ich gewann fast alle Trinkwetten", notierte der Handwerkerssohn Gustav Langenscheidt zwar stolz ins Tagebuch.

Von der Lernhilfe zum eigenen Verlag

Aber trotzdem litt er: "Es ist ein wahrhaft peinliches Gefühl, unter Menschen nicht Mensch sein und seine Gedanken austauschen zu können." Daheim an der Spree paukte er also mit seinem Lehrer Charles Toussaint Französisch, hielt die Vokabeln in einer selbst entwickelten Lautschrift fest und kreierte daraus ein Kursheft für Autodidakten. Weil niemand diese Lernhilfe drucken wollte, gründete der damals 22-Jährige 1856 seinen eigenen Verlag. Seine Leser leitete Gustav Langenscheidt dazu an, ihre Zeit nicht zu vertrödeln.

Er selbst, ein passionierter Nachtarbeiter, lief da ohnehin keine Gefahr. 1863 wagte sich der Verleger an ein erstes Mammutprojekt: ein Wörterbuch in Deutsch und Französisch -damals wichtigste Verständigungssprache in Europa. Fertiggestellt war das nach seinen Autoren als "Sachs-Villate" bekannte Werk erst 17 Jahre später. Die "Herkulesarbeit" aber zahlte sich bald in Prestige aus.

1870 zogen 100 000 Soldaten mit einem "Langenscheidt" im Tornister in den Krieg, das preußische Unterrichtsministerium ernannte Langenscheidt zum Professor, und Theodor Fontane schickte Sohn Friedrich bei ihm in die Lehre. Tielebier- Langenscheidt, Urenkel des Gründers und gelernter Bauingenieur, musste nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau übernehmen. Auf betriebswirtschaftliches Denken und "learning by doing" sei es angekommen, sagt er heute mit gelassener Selbstverständlichkeit. Als besondere Eigenschaft, die alle Mitglieder der Verlegerdynastie auszeichnet, fällt ihm "die Neugier auf technische Innovationen" ein.

Ein Beispiel aus seiner Zeit als Verleger ist der "alpha 8 English" von 1983, eine Art Taschenrechner mit 8000 gespeicherten Wörtern. Dass die Übergabe an die nächste Generation stets klappte, ohne Anzeichen eines Verfalls? "Es hat sich ergeben", meint Tielebier-Langenscheidt. Dabei bewies er selbst oft genug ein feines Gespür. Die Entscheidung für das freundliche Sonnengelb als Hinguckerfarbe beispielsweise. Das Erscheinungsbild davor sei "altmodisch und indiskutabel" gewesen. Oder die Edition der Polyglott-Reiseführer. Tielebier-Langenscheidt erahnte 1955 den aufkommenden Massentourismus, der Markt bot eine Übernahmechance -"da klickte es."

Inzwischen beschäftigt die Gruppe 1400 Mitarbeiter auf drei Kontinenten, bringt Wörterbücher in rund 35 Sprachen heraus -darunter Isländisch und Albanisch. Dialektwörterbücher etwa für Bairisch und Plattdeutsch lockern das Angebot ebenso auf wie "Deutsch -Frau, Frau -Deutsch" aus der Feder des Comedians Mario Barth. Ein Köder für die potenziellen jungen Kunden, die Fremdwörter flugs im Internet suchen und bei Wikipedia nachschlagen statt im Brockhaus. "Ich bin erstaunt, wie sich das bewährt hat", sagt Tielebier- Langenscheidt über diese satirischen Produkte, die seinem Naturell eher fremd sind. Für die Zukunft stimmt ihn der Blick in die Verlagsgeschichte zuversichtlich. "Jedes Jahrzehnt hat seine Herausforderungen", weiß er -auch aus eigener Erfahrung.

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