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Hermann Nitsch vor seiner Triptychon-Grafik "Grablegung".

"ExistenzFest"

Hermann Nitsch-Ausstellung in der Villa Stuck: Blut und Farben

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München - Die Münchner Villa Stuck schildert in der Schau "ExistenzFest" vor allem das Orgien-Mysterien-Theater von Hermann Nitsch

Cremeweiß schiebt sich über Zitronengelb, Schmutzigweiß über Cremeweiß, Maisgelb über Schmutzigweiß, Dunkelgelb über Maisgelb und so fort. Oben bleibt jeweils ein Streifen der „alten“ Farbe stehen, bis alle Nuancen wandhoch zum Beispiel von Mattblau überdeckt werden. Stehende Orgeltöne, die sich bisweilen nervig in die Ohren fräsen, umfassen den Besucher der Münchner Villa Stuck genauso wie die bewegte Farb-Geometrie. Aus ihr blitzen dann Landschaftsfotos auf, wohl aus dem Weinviertel, bevor rosarote Rosenblüten hervorquellen, so lustvoll, wie wir das von Pipilotti Rist kennen, aber einem Hermann Nitsch nicht zugetraut hätten (außer man war 2011 in seiner „Saint François d’Assise“-Inszenierung für die Bayerische Staatsoper gesessen). Der Rosen-Regen wird immer bedrohlicher – wie der des römischen Kaisers, der damit seine Gäste erstickte – und geht in blutiges Gedärm über, in dem ein Arm wühlt. Schließlich beruhigt sich die Szenerie, als Zeichnungen seltsamer Labyrinthe, Lebensadern oder Straßenzüge auftauchen.

Der österreichische Künstler Hermann Nitsch (Jahrgang 1938), der seit Jahrzehnten mit Buddha-Gleichmut das Klischee-Wapperl „Provokateur“ (er-)trägt, hat die oben erwähnte Video-Installation (Gestaltung: Frank Gassner) extra für die Ausstellung „ExistenzFest – Hermann Nitsch und das Theater“ entwickelt. Das Rundum-Werk ist in der Stuck-Villa der Endpunkt der Präsentation – und in diesem Fall lohnt es sich, vom Ende her zu schauen und zu denken: Denn der „Universalkünstler“ bietet da dem Besucher einen Œuvre-Überblick der besonderen Art. Der beweist, dass Nitsch nicht auf den Schock-Produzenten reduziert werden darf. Allerdings konzentriert sich die Schau quasi automatisch auf den blutigen Teil des Werks. Kurator Hubert Klocker hat sie fürs Theatermuseum Wien entwickelt und für München adaptiert. So sind weniger die feinsinnigen Schüttbilder Nitschs zu bewundern, sondern mehr seine Aktionen, die als Orgien-Mysterien-Theater – er schreibt „o.m. theater“ – berühmt wurden. Seit 1957 entwickelt er dessen Theorie.

„Sein ist alles, was der Fall ist“, sagt der Künstler und verweist schmunzelnd auf Ludwig Wittgenstein. Nitsch erklärt heiter, dass er „das Sein, die Existenz“ mit seiner Theaterform konzentriert darstellen wolle, um es begreifbar und erlebbar zu machen. Zentral ist die unmittelbare Körpererfahrung, von deren heftiger Seite die Fotografien berichten – leider nicht von der ruhig-mystischen. Nur die Video-Installation über alle vier Wände und frühe Farbtafeln bestätigen, wie wichtig diese Ebene Nitsch ist. Sie ist eigentlich in einem Museum auch besser fühlbar. In diesem unlösbaren Dilemma muss die aktuelle Ausstellung stecken bleiben: Das Theater-Erlebnis im Museum ist kein leibhaftiges Erlebnis, schon gar nicht wenn es um Fleisch und Blut, Rhythmus und Lärm, Gestank und Duft, Gruppe- oder Einzelner-Sein geht.

Trotzdem vermitteln gerade die Fotografien und Filme, dass Nitsch vom Wiener Aktionismus her kommt, dass Schmerz, Angst und Lust den Betrachter grausam bedrängen sollen. Einige Entsetzensbilder – gerade aus Nitschs Münchner Zeit ab 1968 – sind immer noch gültige Aussagen zur menschlichen Brutalität. Da Hermann Nitsch sehr gebildet ist, streut er in diesen Panikraum viele Hinweise – von Opferriten vieler Religionen bis hin zum Christentum, von Existenzphilosophien bis zur Hingabe der Mystik. Deswegen ist seine Orgie nichts, was entgleitet und entgleist. Es fasziniert, wie akribisch er das „o.m. theater“ theoretisch unterfüttert, choreografiert, inszeniert, vertont und architektonisch verortet hat. Vollgeschriebene Hefte, Lagepläne, Szenenskizzen, Besetzungszettel und Ähnliches beweisen das. Schmerz darzustellen heißt, ihn bannen. Nitsch folgt da den Märtyrer- und Passionsbildern seiner „alten“ Kollegen. Diese Strategie des Harmlos-Machens erkennt man bei ihm neben den Farbfeldern am besten in seinen Grafiken: Skelette gibt’s, ja, aber ganz brave.

Bis 8. Mai, Di.–So. 11–18 Uhr; Telefon: 089/ 45 55 510. Aktion: 7. Mai.

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