Die Welt im Fokus: Christian Burchard. Foto: Trikont

Der Herr der Klänge

Trauer um Christian Burchard, Herz der Band Embryo und einer der wenigen echten Weltstars aus München, der mit 71 Jahren gestorben ist.

Das mag ein wenig merkwürdig klingen, aber Christian Burchard war einer der wenigen echten Weltstars aus München. Wer jetzt ratlos dreinschaut und nie etwas von dem Mann gehört hat, dem sei versichert: In der Musikwelt war er ein ganz Großer. Denn Burchard war Gründer, Kopf und Herz von Embryo, jener sagenumwobenen Kombo, die seit 1969 Klänge, Töne, Weisen aus aller Welt studiert und daraus ihren eigenen, unverwechselbaren Sound zaubert.

Die Musik war mit jedem Album, jeder Tour anders, aber immer Embryo, schlicht, weil das niemand sonst so hinbekam. Und auch weil Burchard herzlich egal war, woher ein Klang stammt, der ihm gefällt. Das konnte ein Instrument aus dem Oberland ebenso sein wie eine Melodie aus dem Herzen Afrikas. So ist Embryo ohne jede Übertreibung eine der international bekanntesten deutschen Bands geworden, denn im Ausland hat man die besondere Qualität dieser Formation schnell begriffen.

Die progressive Musik, die sich nicht um Genres kümmerte, wurde von britischen Kritikern seinerzeit als „Krautrock“ bezeichnet, und das war anfangs durchaus abwertend gemeint. Heute steht der Begriff einfach für eine spezielle Form der Musik, die von Embryo wesentlich definiert worden ist. Mit dem Ausdruck „Krautrock“ hat Burchard nie gehadert, obwohl er nie viel davon hielt, ihn und seine Arbeit zu etikettieren. Embryo war eine musikalische Galaxis für sich, die international von Fans auf ihren legendären Konzerten für das gefeiert wurden, was man heute etwas vage „Weltmusik“ nennt.

Trotz eines schweren Schlaganfalls vor eineinhalb Jahren machte Burchard immer weiter, veröffentlichte neue Platten und ließ seine Band auftreten. Seine Wurzeln waren der Jazz und dessen experimentellen Ausprägungen, „New Jazz“ hieß das früher einmal. Später amalgamierte Burchard psychedelischen Avantgarderock dazu und verschmolz das mit weiteren Einflüssen zum unverkennbaren Embryo-Sound. Die unkonventionelle Mischung hatte Erfolg, Embryo tauchte in den Charts und im Radio auf. 1970, im zweiten Jahr des Bestehens, durften sie einmal gleich nach Jimi Hendrix auf die Bühne. Dennoch waren die Neutöner der Plattenfirma etwas unheimlich, sie landeten beim kleinen Label Trikont aus München. Im Nachhinein ein Glücksfall, hier durften Embryo es so wild treiben wie sie mochten – und taten das auch.

Mit Erfolg, wie Burchard immer mit hörbarem Stolz erzählte. Als Vorreiter sah er sich nie, das Wort gefiel ihm nicht. „Vorreiter, das ist so eine Sache – entweder man macht Musik oder nur das Herkömmliche. Und das Herkömmliche war mir immer zu wenig.“ Deswegen suchte er unablässig nach neuen Ideen, musikalischen Ausdrucksformen und arbeitete mit wechselnden Musikern. Wobei klar war, wer die Richtung vorgab: er selbst. „Ich entscheide, was passiert – einer muss ja den Überblick behalten.“

Im Laufe der Jahrzehnte hat Burchard mehr als 400 Musikern erklärt, wie etwas klingen soll, und so erscheint die vollmundige Aussage der Plattenfirma, bei Embryo handele es sich um eine alternative Weltmusikakademie gar nicht abwegig. Burchard sorgte früh dafür, dass auch seine Tochter Marja die Embryo-Schule durchlief – schließlich war ihm nicht der eigene Nachruhm wichtig, sondern dass Embryo weiter existiert. Er organisierte, was so wenigen gelingt – einen geordneten Übergang. „Marja ist mit Embryo aufgewachsen und soll das auf jeden Fall fortführen. Sie hat von älteren Meistern gelernt, so wie ich auch mein Leben lang immer gelernt habe“, erklärte Burchard 2016 im Gespräch mit unserer Zeitung.

Er blieb bis zum Schluss umtriebig, hatte gerade chinesischen Free Jazz für sich entdeckt und erkundete mit Hingabe sein neues Lieblingsinstrument, das Hackbrett. Nun ist er mit 71 Jahren in München gestorben. Und hat zuvor dafür gesorgt, dass Embryo weiterhin die Musik aus allen Kontinenten hierher holen. Eine Lebensleistung, die man würdigen darf.

Zoran Gojic

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