Ein Herr oder doch ein Gentleman?

- Wer "Manieren" hört, denkt an Benimmregeln. Und daran, dass an dem etwas altertümlich klingenden Begriff Erinnerungen kleben: der Tadel älterer Tanten oder die "Betragens"-Noten in der Schule. Sowie an die kindlichen Abwehrreaktionen gegen Ermahnungen, die einem spätestens dann sinnvoll erscheinen, wenn sich Personen in Gesellschaft durch unpassendes Verhalten lächerlich machen oder einfach nur völlig hilflos sind. Nicht umsonst sind nach gründlichem Wertewandel der vergangenen Jahrzehnte Benimm-Bücher und -Kurse gefragt wie nie zuvor.

<P>Nun ist Asfa-Wossen Asserates Bestseller "Manieren" mehr als ein Ratgeber, mehr als ein Abwägen zwischen herrschender und Mindermeinung. Das Buch dieses zum Teil deutsch erzogenen, seit den 70er-Jahren in Deutschland lebenden äthiopischen Prinzen Asserate ist eine unterhaltsame, mit Anekdoten angereicherte Abhandlung europäischer Kulturgeschichte. "Bildung" könnte mit Fug und Recht auch darüber stehen, so lehrreich sind die Ausflüge in die Historie, um die Wurzeln von Sitten und Gebräuchen, ja Redewendungen zu erläutern. Eine Lesegenuss, weil glänzend formuliert und geradezu Lust an präziser und gewählter Sprache erzeugend.</P><P>Aus diesem Grund wird Asserate heute, neben Zsuzsa Bá´nk, in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste von der Robert-Bosch-Stiftung der Chamisso-Preis verliehen: Die literarische Auszeichnung für Deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache. Auf Asserate passen diese Kriterien so gut, dass es ihm fast schon wieder zum Nachteil gereichte. Weil Asserates Freund, der Schriftsteller Martin Mosebach, das Kompendium lektorierte, wurde kürzlich die Autorschaft des äthiopischen Prinzen, seine vollendete Stilsicherheit, angezweifelt.</P><P>"Sie hielt keine Regeln ein, sie stellte welche auf, denen sie selbst natürlich nicht unterworfen war."<BR>Asfa-Wossen Asserate in "Manieren"</P><P>Völlig unverständlich eigentlich, denn wer ein so komplexes Werk maßgeblich verfasst, wird bei aller Freundschaft kaum darauf verzichten, namentlich genannt zu werden. So differenziert, vielschichtig, feinsinnig und paradox, wie Manieren selbst es sind, ist dieses Buch. Zum Beispiel "Die Dame": "Sie hielt keine Regeln ein, sie stellte welche auf, denen sie selbst natürlich nicht unterworfen war. Sie konnte eigentlich keine Fehler machen. Sie konnte schwere Sünden begehen, aber sie hörte nie auf, Dame zu sein." Mit gleicher Versiertheit unterscheidet Asserate den "Herrn" vom "Gentleman", die schlechte Laune vom Grant - "muntere Kernigkeit" - und den (von ihm gelobten) "Spießer" mit "falschen" Manieren vom Aufsteiger, der gar keine hat.</P><P>Das ist äußerst amüsant, witzig _ und mitunter auch ein wenig ärgerlich. Nämlich dort, zum Glück ganz selten, wo Asserates Nonchalance in Polemik umschlägt, etwa beim Thema Feminismus. Seine gelassene Antipathie verwandelt sich in Feindseligkeit. Und endet in einer Verdrehung der Tatsachen: Keine asiatische oder afrikanische Frau habe sich je so unabhängig bewegen können wie die Frau der abendländischen Zivilisation, sagt er, um anzufügen: "Dennoch blühte der Feminismus gerade nicht in den Regionen der Erde, in denen die Ungleichheit der Geschlechter noch unbestritten ist." Was wie eine Rechtfertigung für diese Situation klingt, die Frage nach Ursache und Wirkung ignoriert.</P><P>Zum Trost ist im Kapitel "Konversation" zu lesen: "Im übrigen ist der Widerspruch natürlich das Lebenselixier jeder gelungenen Konversation". In diesem Sinn konversiert der Autor ganz vortrefflich mit seinem Leser.</P>Asfa-Wossen Asserate: "Manieren". Eichborn Verlag, Frankfurt. 370 Seiten, 22,90 Euro. Preisverleihung ist heute um 19 Uhr in der Akademie der Schönen Künste.

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