Herrn von Bülows Universum

München - Das Münchner Literaturhaus zeigt in „Loriot: Spätlese“ unbekannte Werke des Künstlers aus dem Nachlass.

„Loriot: Spätlese“. So nennt sich die Münchner Ausstellung zu Ehren von Vicco von Bülow, der am 12. November 90 Jahre alt geworden wäre. In der Tat hat Loriot in seinen Cartoons wie in seinen Filmen die Wirkung geistiger Getränke – Spätlese musste es nicht unbedingt sein – genüsslich analysiert. Dass Wein ziemlich niederschlagend sein kann und die Feuerwehr an Silvester für ihre brennende Zentrale angesichts der Sekt-Spritze kein Auge hat, ist jetzt im Literaturhaus schon in ganz frühen Blättern des Erfinders der „1977er Oberföhringer Vogelspinne“ (TV-Sketch) zu entdecken. Die Kuratoren Peter Geyer und O. A. Krimmel beeilen sich jedoch zu betonen, dass „Spätlese“ von später Lese komme. Und haben dabei weniger Trauben im Sinn als zumeist frühe Werke des 2011 Verstorbenen, und zwar unbekannte, unveröffentlichte.

Susanne von Bülow, die ansonsten alle Ausstellungen abgesagt habe, sei „eine riesige Hilfe“ gewesen, erklärt Geyer, weil sie im Werk und in den Intentionen ihres Vaters bestens daheim sei. So war es eben nicht nötig, ein „Best-of vom Best-of“ in die Literaturhaus-Galerie zu quetschen. Man kann den Besuchern stattdessen viele Überraschungen bieten und hat obendrein noch zwei Bücher ediert: „Spätlese“, Zeichnungen und einige Gemälde, sowie „Gästebuch“, Fotografien.

Die Schau (in Kooperation mit der Komischen Pinakothek) selbst lockt in ein Kulissenhaus, sozusagen ins Loriot’sche Universum, mit verschiedenen Zimmern und Gängen. Der Kenner stutzt, weil es ein Katzen-, kein Mops-Haus ist – gemach, die Hunderl tauchen noch auf. Groß aufgezogen ist nicht nur die Fassade (wo sonst der Kukuruz/ Maiskolben hängt, haben die Stubentiger Mäuse aufgereiht), sondern auch fast mannsgroße Knollennasen-Männchen geleiten durch die Präsentation. Die macht sogleich klar, dass der Neuling Bülow mit seinen Ideen öfters abgeschmettert wurde, etwa von der Münchner Zeitschrift „Weltbild“. Mit der Serie „Der gestrenge Chef“ mochte sie 1953 nichts anfangen, wie der Ablehnungsbrief zeigt. Die Originalzeichnungen beweisen dafür, dass Loriot damals bereits davon wusste, was wir heute neudeutsch Mobbing nennen. Na gut, dass Chefs an ihrem Schreibtisch einen Morgenstern (stachelgespickte Schlagwaffe) hängen haben, mag übertrieben sein. Aber die anderen Beispiele – man überzeuge sich selbst.

Tränen lachen kann der Betrachter hingegen über Szenen von Straßenbauarbeiten, vom Urlaub, Nahverkehrsmittel Hexenbesen oder vom Wetterbericht. Obacht bei „...leichten Niederschlägen am Randes eines Tiefs“! Denn Loriot hat sich hier (wie so oft) die Strategie des Wörtlich-nehmens zu eigen gemacht, und das bringt seine Stresemann-Figürchen ziemlich in Bedrängnis. Diese surreale, dadaistische oder valentineske Denkfigur war in den Fünfzigern doch manchen Zeitschriftenleuten zu fremd. Vielleicht zu anspruchsvoll. Der Künstler verlangt ja immer einen wachen, genau schauenden und geistig beweglichen Partner.

Wir Loriot-Geübte erfreuen uns in der Schau aber nicht nur an den Inhalten. Ein stiller und inniger Genuss ist es, Originale vor Augen zu haben: die Hand in der Linie zu spüren, die kleinen weißen Korrekturen zu sehen – und Loriots Gespür für Farben. Als Pointe eingesetzt in großformatigen Tableaus, etwa beim Pfingstausflugs-Wahnsinn; wundervoll, stehlenswert feinfühlig bei den winzformatigen Gemälden, zum Beispiel bei der bläulichen Abendstimmung mit abgeschlafftem Mops-Engel; und künstlerisch beeindruckend in den noch winzigerformatigen Farbstift-Arbeiten aus den letzten Lebensjahren. Das sind kubistische Werke in klug gesetzten Nuancen, die Collage, Skurrilitäten à la Arcimboldo und Surreal-Satirisches kombinieren. Spielerisch in der inneren Freiheit. Da entstanden tiefe Weisheiten wie der Anzugträger-Kerl. Die Aufschläge von einem auch so gesitteten Sakko und noch einem und noch einem flattern auf zu seinem Kopf – werden dort zu den Zipfeln einer Narrenkappe. Und der weiß-blau gerautete Kragen mag auf Bayern hindeuten.

Neben diesen Preziosen finden sich außerdem einige Fotografien aus dem „Gästebuch“, das nie entstand. Übrigens: Die bei allen Aufnahmen verwendete Topfpflanzen-Säule dürfen die Besucher in der Schau jetzt (samt Zubehör) benutzen, um sich in Pose zu werfen. Daneben, noch interessanter, drei alte Werbefilme – der älteste Zeichentrickstreifen preist die Soziale Marktwirtschaft (!) – und der erste Mini-Spielfilm von Loriot: „Die toten Augen von Gauting“ (1961). Was danach kam, wissen wir alle...

Simone Dattenberger

Bis 12. Januar 2014

werktags 11-19 Uhr, Wochenende 10-18 Uhr; Salvatorpl. 1.

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