Herrschafts-Mythos erlosch vor 200 Jahren

- Der letzte Kaiser nannte sich noch einmal "zu allen Zeiten Mehrer des Reiches", bevor er in Wien das Todesurteil unterschrieb: "Wir erklären, dass Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reiches gebunden hat, als gelöst ansehen", so Kaiser Franz II. Das war's. Nach fast einem Jahrtausend hörte vor 200 Jahren, am 6. August 1806, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation auf zu existieren.

Damit endete ein Gemeinwesen, das in seiner langen Geschichte weit über Deutschland hinaus einen großen Teil Mitteleuropas umfasst hatte.

Dabei lässt sich nur sein Tod, nicht die Geburt genau datieren. Als die Enkel Karls des Großen 843 das Reich teilten, wurde mit dem romanisierten Teil Frankreich vorweggenommen, das mittlere Reich erhielt Enkel Lothar: Lothringen. Im Osten entstand das, was man einmal Deutschland nennen sollte. Bald wählten alle Reichsteile Könige. 900 wurde Ludwig "das Kind" erster ostfränkischer König. Es folgten 911 Konrad I. als erster Nicht-Nachfahre Karls des Großen und sieben Jahre später der Sachse Heinrich I., der erste Nichtfranke _ gleich drei mögliche Geburtsstunden Deutschlands. Als König Otto I. 955 die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg schlug, rief Papst Johannes XII. den Ostfranken nach Rom. Er sollte Beschützer der Kirche sein. Als Dank bekam Otto 962 die Kaiserkrone Roms und führte damit gewissermaßen das Römischen Reich fort.

Das hieß, dass der Papst immer eine Rolle im neuen Römischen Reich spielte. Doch die wichtigeren Gegner standen im eigenen Haus. Im Gegensatz zu England und Frankreich war das Reich kein wirklicher Staat. Es war nur ein loser Staatenbund aus Territorien in Deutschland mit Österreich, den Niederlanden, der Schweiz, Tschechien, Italien und selbst auf dem Balkan. Die Fürsten waren nicht souverän, aber im Grunde selbstständig. Und diese Macht hatten nicht nur die Kurfürsten, die einen neuen König wählten, wenn der alte starb. Dabei war die Erfindung des Föderalismus kein Nachteil. Er machte oft flexible Problemlösungen möglich. Doch weil das Reich eines des Adels war, versagte die Flexibilität nach neun Jahrhunderten. Die Bürger blieben im Reichstag am Katzentisch, eine Reichsreform gab es nicht. So konnte Napoleon mit seinem Rheinbund dem Reich nach 844 Jahren den Todesstoß versetzen. Franz hatte sich schon zwei Jahre zuvor eine österreichische Kaiserwürde gesichert, daher wog der Tod des Reiches für ihn nicht so schwer.

Erst als es versunken war, träumten die Deutschen von einem Mythos, den es so nie gab. 1806 hingegen schien der Untergang des Sacrum Romanum Imperium keinen recht zu interessieren. Ein Frankfurter Jurist schrieb in sein Tagebuch nur, dass ein Streit der Bediensteten ihn "mehr in Leidenschaft versetzte als die Spaltung des Römischen Reiches". Der Desinteressierte hieß Johann Wolfgang von Goethe.

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