Herrscher über die Zeit

- München - "Tanzen ist der flüchtige Moment, in dem man sich lebendig fühlt", sagt Merce Cunningham der Große. Ein König über ein riesiges ›22uvre. Ein Souverän, so scheint es, auch über das ebenso flüchtige Wesen "Zeit". Mit John Cage als künstlerischem Partner erlöste er den Tanz schon 1942 - die wichtigste Revolution bis in unsere Tage - aus dem Dienst an der Musik. Heute eröffnet der 83-jährige Meister des US-Formalismus' mit seiner Company Münchens Dance-Biennale (bis 10. 11.) im Gärtnerplatztheater.

<P>Sie zeigen unter anderem "Loose Time" von 2002, aber auch frühe Stücke wie "Suite for Five" von '56, für das Robert Rauschenberg den Dekor entwarf, und das legendäre von Andy Warhol mit silbernen Luftkissen ausgestattete "Rain Forest" von '68.</P><P>Warum diese Auswahl?<BR><BR>Cunningham: Weil meine Company 50. Jubiläum feiert, wollte das New Yorker Lincoln Center diesen Sommer auch ein paar ältere Stücke sehen. Und jetzt, wo wir diese wieder aufgenommen haben, sollen sie auch im Repertoire bleiben, als Teil unserer Geschichte.<BR><BR>Bei Ihrer Geschichte erstaunt, dass Sie noch während Ihres Engagements bei Martha Graham von 1939-45 nebenbei an der American School of Ballet studierten - was doch zu der Zeit für einen Modern Dancer ein regelrechtes Vergehen war.<BR><BR>Cunningham: Ach ja, die verfeindeten beiden Lager. Sie dachten, sie seien ganz verschieden. Aber jeder beugt seine Knie auf die gleiche Weise (lacht herzlich). Ich habe immer so viel wie möglich von jeder Art von Tanz wissen wollen. Sogar mit dem indischen Bharat Natyam habe ich mich beschäftigt, nicht um ihn zu benutzen. Aber er bereicherte meine körperliche Erfahrung. Ich wollte nie nur die Beinarbeit einsetzen, auf die das Ballett großen Wert legt. Oder nur den Torso, der bei Graham so wichtig ist. In den letzten Jahren habe ich mehr Armbewegungen hinzugenommen, was den Stücken eine größere Komplexität verleiht.<BR><BR>Sie arbeiten mit Zufalls-Strategien vom Münzenwerfen und Würfeln bis zum "Lifeform"-Computerprogramm. Warum?<BR><BR>Cunningham: Ganz einfach: Die Abfolge "Laufen, Hochspringen, Fallen" scheint für einen Tänzer bewegungslogisch. Wenn ich jetzt die Reihenfolge "Rennen, Fallen, Hochspringen" auswürfele, ist das entweder für den Tänzer zu schwer - oder er versucht es zumindest! Aber auch wenn es nicht ganz gelingt, macht man eine völlig neue Erfahrung. Und genau darum geht es mir: Dinge, die vom Kopf her unmöglich scheinen, dennoch anzugehen. In "Loose Time", das wir hier zeigen, haben wir "Lifeforms" eingesetzt. Man hat also diese kleine Animationsfigur, gibt ihr eine Bewegung und benutzt dann die Zufalls-Operation: Soll sie zuerst die Arme oder erst die Beine bewegen? Wie soll sie sie bewegen, wie schnell? Ich gehe mit dieser Methode über das hinaus, was ich selbst kenne. Und finde dabei, vielleicht, etwas Neues.<BR><BR>Trotzdem bleiben das erst einmal "Zufalls-Operationen". Das, was sie zur Kunst machen, ergibt sich nicht durch Zufall, sondern durch Sie. Wann kippt der Schalter vom quasi "Glücksspiel" zum künstlerischen Tanz?<BR><BR>Cunningham: Die Arbeit am Computer spart zunächst einmal Probenzeit, weil ich vieles auf dem Bildschirm simulieren kann. Der "Switch" passiert dann gemeinsam, wenn ich den Tänzern die "Lifeform"-Ergebnisse gegeben habe und wir daran arbeiten.<BR><BR>Sie haben den Tanz von der Musik emanzipiert.<BR><BR>Cunningham: Cage hatte komponiert <BR>für<BR>den Tanz, aber auch fertige Musik geliefert, auf die choreographiert wurde. Beides empfand er als eine Versklavung. Also haben wir mit einer Zeitstruktur begonnen, in der wir uns nur an bestimmten Struktur-Punkten treffen mussten. Es war zunächst sehr schwierig, nicht mehr die Musik als Stütze zu haben. Ich wollte aber keine Stütze. Es war so faszinierend, dass viele Dinge gleichzeitig spielen, wie im Leben auch.<BR><BR>Finden Ereignisse wie der 11. September oder die Geiselnahme in Moskau irgendein Echo in Ihren ja abstrakten Stücken?<BR><BR>Cunningham: Ich gebe keine sichtbaren Statements. Aber Amerika, das sich immer sicher fühlte, ist verletzlich geworden. Und da mein Studio die Sicht aufs World Trade Center hatte, ist mir die Katastrophe jeden Tag gegenwärtig.<BR> <BR><BR></P>

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