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Der Roman "Atemschaukel".

Herta Müllers "Atemschaukel" – so grandios wie erschütternd

Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an die deutsche Schriftstellerin Herta Müller. Gerade eben ist ihr neuer Roman "Atemschaukel" erschienen. Eine Buchkritik von Simone Dattenberger.

Herta Müller: „Atemschaukel“

Carl Hanser Verlag, München, 300 Seiten; 19,90 Euro.

Ein Bursche deutscher Abstammung aus einem rumänischen Ort steht auf der „Liste der Russen“. Es ist der Januar des Jahres 1945. Leo freut sich sogar darauf, „aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten“, wegzukommen. Ja, naiv ist er, obwohl er in seinem kurzen Leben durchaus schon gelernt hat, wie man mit Gefahren umzugehen hat: dass er etwa seine Homosexualität unter allen Umständen verbergen muss. Unfreiheit, Todesangst, Überwachung – die gehören auch zur Heimat. Dann zu den fünf Jahren im sowjetischen Lager. Und zum noch fernen Danach, 1950 bis 1968, als Leopold schließlich emigriert.

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Poesie und Politik: Herta Müller ausgezeichnet

Herta Müller legt mit „Atemschaukel“ einen neuen – einen grandiosen Roman vor. Von Anfang an hat sie sich als eine Schriftstellerin erwiesen, die die Deformation – seelische wie körperliche – des Menschen durch die Diktatur mit einer schmerzhaften Allwissenheit beschreiben konnte (zum Beispiel in „Der Fuchs war damals schon der Jäger“). Alle Details gehen umso mehr unter die Haut, als Müller eine vibrierend vitale und irritierende Sprachschöpferin ist. Deutsch wird bei ihr zum Forschungsinstrument der edelsten Art. Damit hatte sie die Opfer des rumänisch-kommunistischen Staatsterrors untersucht, damit untersucht sie nun ein Opfer der Zwangsarbeit.

Ihre eigene Mutter war fünf Jahre in Arbeitslager, berichtet Müller im Nachwort. Ab 2001 habe sie sich mit Deportierten aus ihrem Dorf unterhalten und die Informationen aufgezeichnet. Außerdem ging sie auf ihren Kollegen und Landsmann Oskar Pastior (1927-2006) zu, der selbst verschleppt worden war. Es entspann sich eine Zusammenarbeit, die mit Pastiors Tod zerbrach. Herta Müller musste alleine den Roman schreiben: „Doch ohne Oskar Pastiors Details aus dem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“

Als Leser verfolgt man Leos Reise in ein russisches Irgendwo – Baracken, Steppe, Kohlebergbau, verrottete Chemiewerke, ärmliche Ansiedlung – und Herta Müllers Sprachgestaltung gleichermaßen fasziniert und erschüttert. Mit „Vom Kofferpacken“, dem durchaus komischen Aufbruch, beginnt in 56 Kapiteln der Überlebenskampf im Lager. Es folgt die Heimkehr eines Entwurzelten. Auch in „Atemschaukel“ wieder die Deformation durch ein Zwangssystem. Der Versehrte hat überlebt, bleibt aber unauslöschlich gezeichnet, zumal er wieder in einer Zwangsgesellschaft gelandet ist. Gesprochen wird über seine Erlebnisse ohnehin nicht.

Diesem Schweigen, das die Wunden nicht vernarben, sondern gefährlich schwähren lässt, setzt Herta Müller ihre Sprache entgegen: ihre Poesie, ihr Deutsch, das aus der fremden Umgebung ihrer Jugend, dem Terror und Müllers genialer Widerständigkeit eine atemberaubende Kraft gezogen hat. Die Dichterin hat den höchsten Grad an poetischem Ausdruck erreicht – zupackend genau, wie es keine noch so präzise Dokumentation erreichen könnte, und zupackend wortgewaltig, dass sich nichts in Harmlosigkeit und Beschönigung verflüchtigen kann. Müller hat sich zum ausgiebigen Hinschauen gezwungen, und sie ermöglicht es uns mit ihrer Kunst, dass wir es aushalten, ebenfalls mutig hinzusehen. Denn ihre Poesie ist Operationsbesteck: Es schneidet scharf, heilt aber.

Dabei ist die Autorin so wunderzauberfein erfinderisch, dass die deutsche Sprache Heimat, Zuflucht und Schutzhülle wird. Auch für den Leser. Schon in dem Titel „Atemschaukel“, jenem Pendel zwischen Lebenspenden und Luftabschnüren, wird das deutlich. Und so geleitet uns diese Sprache in das Lager. Wo Zementstaub die Lungen erstickt, Kalk die Körper frisst, Kohle sich in die Poren bohrt, Schlacke den Leib zerbricht. Und wo in Wirklichkeit nur einer herrscht: der Hunger, der Hunger, der Hunger. Jeder im Lager hat seinen „Hungerengel“, wie Leo feststellt. In immer neue herzzerquetschende poetische Wendungen fasst Herta Müller den Hunger, damit auch wir Satten ihm nicht entkommen: „Seit wir als Knochenmännlein und Knochenweiblein füreinander geschlechtslos waren, paarte sich der Hungerengel mit jedem, er betrog auch das Fleisch, das er uns bereits gestohlen hatte, und er schleppte immer mehr Läuse und Wanzen in unsere Betten.“

Mit der Sorgfalt des guten Arztes erstellt Herta Müller in „Atemschaukel“ erneut die Krankengeschichte einer Deformation: Hunger und „Lagerglück“ haben in Leo die Welt draußen ausgelöscht. Die Befreiung wird zum Schock. Die Dichterin hat allen, die einst und heute noch von anderen Menschen gequält werden, in diesem Roman ein Denkmal gesetzt – und uns ein Mahnmal.

von Simone Dattenberger

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