Ein Herumtreiber

- Raoul Tranchirer zerlegt die Welt, die Ror Wolf sich für ihn ausdenkt - in wundersamen, tragikomischen Geschichten, in denen die Existenz des gerade Erzählten am Ende schon wieder in Frage gestellt ist. Raoul Tranchirer ist das Pseudonym von Ror Wolf, der mit Bildcollagen und Hörspielen, unter anderem zum Thema Fußball, berühmt wurde und für seine "Raoul-Tranchirer-Ratschläger" geliebt wird (zuletzt "Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser & ihre überschaubaren Folgen", Frankfurter Verlagsanstalt, 29,90 Euro). Der 71-Jährige erhält morgen den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

<P>Ihre Geschichten, in denen Sie die Welt erfinden, um sie wieder verschwinden zu lassen, knüpfen an der alltäglichen Wirklichkeit an. Nehmen Sie diese als Aneinanderreihung solcher Geschichten wahr?<BR><BR>Wolf: Die Wirklichkeit besteht sicher nicht aus solchen Vorgängen, selbst in meiner Wahrnehmung nicht. Diese Geschichten entstehen unter Verwendung der Realität an meinem Schreibtisch. Von Zeit zu Zeit bedrängt mich die Wirklichkeit, aber das muss ich aushalten. <BR><BR>Ihre Raoul-Tranchirer-Ratgeber parodieren den aufklärerischen Gestus von Enzyklopädien. Haben Sie eine Leidenschaft für Lexika?<BR><BR>Wolf: Lexika haben mich schon als Kind fasziniert. Ich habe einen alten Brockhaus geliebt. Besonders das Zusammenspiel von Text und Bild. Es ist aber nicht allein Parodie. Es sind tragikomische Welterklärungsversuche eines eigens dafür erfundenen Herrn: Raoul Tranchirer. Er darf alles behaupten und von allem auch das Gegenteil. Er ist mächtig. Dichter sind es in der Regel nicht.<BR><BR>In Ihren Texten spielen Sie mit scheinbaren Gewissheiten. Wie gehen Sie mit dem "Verschwinden" und mit realen Verlusten um?<BR><BR>Wolf: Das Schreiben ist eine wunderbare Möglichkeit, zu verschwinden und Verluste wenigstens vorübergehend zu vergessen. Das Lesen übrigens auch. <BR><BR>Sie sind angeblich 34 Mal umgezogen. Stehen diese Ortswechsel im Zusammenhang mit Ihren Schaffensprozessen?<BR><BR>Wolf: Es sind tatsächlich 34 Umzüge. Der erste war der von Saalfeld nach Berlin: 1953. Damals habe ich die DDR verlassen, allein, also ohne Familie, um ein völlig anderes Leben zu beginnen. So richtig geklappt hat das nicht. Ortswechsel haben mir allerdings niemals Schwierigkeiten gemacht. Ich bin ein Herumtreiber. Ein regelrechtes Heimatgefühl hat sich nicht entwickelt; obwohl es Orte gibt, die ich anderen vorziehe. Allerdings bin ich sicher, dass meine Art zu schreiben auch durch die Häufigkeit der Ortswechsel beeinflusst worden ist.<BR><BR>Warum haben Sie sich vom Fußball als Thema abgewandt?<BR><BR>Wolf: Das Thema Fußball ist von mir bis 1982 derart ausführlich behandelt worden, dass man mich für einen Fußballdichter gehalten hat. Dagegen ist nichts zu sagen, aber es genügt mir nicht. Ich habe in diesem Bereich alles gemacht, was ich machen wollte: Sonette, Stanzen, Balladen, Prosatexte, Dialoge, Zitatmontagen, Radio-Collagen, sogar einen Film. Das Thema ist für mich abgehakt.<BR><BR>Muss man befürchten, dass Sie bald auch Ihre Weltzerschreibungs-Geschichten abhaken?<BR><BR>Wolf: Im Herbst erscheint "Zwei oder drei Jahre später. 47 Ausschweifungen". 2004 soll eine um unveröffentlichte Stücke erweiterte Zusammenfassung sämtlicher Stichworte der Enzyklopädie herauskommen. Dann etwas Romanähnliches und auch etwas Autobiografisches. Sie sehen, ich bin noch lange nicht am Schluss.</P><P>Das Gespräch führte Christine Diller</P><P> </P>

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