Was ins Herz geht

- Vor anderen produziert hat Elisabeth Müller sich schon immer gern. Als kleines Mädchen damals in Kasachstan zum Beispiel. Sie, die heute so bescheiden und feinfühlig wirkt, setzte ihre Kusinen in eine Reihe vor sich hin und hielt ihnen Vorträge. Dachte, sie würde vielleicht einmal Lehrerin werden. Aber nachdem sich die weltpolitischen Verhältnisse 1990 verändert hatten - damals war Elisabeth Müller 13 -, begannen auch ihre Zukunftspläne andere Formen anzunehmen. Sie fand sich plötzlich in Braunschweig wieder, wurde schließlich Schauspielerin.

Ihre Ausbildung erhielt sie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, dann holte sich Christian Stückl das junge Talent mit der zarten, melancholisch-komischen Ader ans Münchner Volkstheater, wo Müller ihr erstes festes Engagement erhielt.

In "Fegefeuer in Ingolstadt" spielt sie eine gewiefte Clementine, in "Kampf des Negers und der Hunde" die befremdete Leone. Und morgen hat sie als Hero in Shakespeares "Viel Lärm um nichts" Premiere (19.30 Uhr). Regie führt Jorinde Dröse, deren Inszenierung von "Was ihr wollt" am Volkstheater bereits einen sensationellen Erfolg feierte. Mit Dröse verbinden die Schauspielerin seit Studienzeiten inzwischen sieben Theaterarbeiten und "eine gemeinsame Sprache, die sich Projekt für Projekt weiterentwickelt hat". Und wenn Elisabeth Müller die Sprache im weiteren, übertragenen Sinn so hervorhebt, dann hat das bei der Künstlerin einen besonderen Hintergrund. Nicht nur, dass sie im Deutschen noch nicht so lange zuhause ist. Es geht dabei um mehr als Verständigung, es geht um den Bruch mit der eigenen Vergangenheit und Persönlichkeit, den Müller als Jugendliche verkraften musste.

Aus Kasachstan nach Deutschland

Um das klar zu machen, nimmt Müller einen noch einmal mit in die kasachische Kindheit: "Meine deutschstämmigen Vorfahren waren von der Ukraine nach Kasachstan gekommen. Meine Eltern wuchsen vollständig sowjetisch auf, verstanden aber Deutsch. Im Zuge der Perestrojka setzten sich immer mehr Leute nach Israel, Deutschland und in die USA ab. Als es Unruhen in Kasachstan gab, die Not immer größer wurde und die Grenzen sich öffneten, folgten meine Eltern dem ,Rückholprogramm’ unter der Regierung Helmut Kohls. Eigentlich wollten sie gar nicht weg, aber ein Teil unserer Familie war schon ausgewandert. Und die hat bei uns einen hohen Stellenwert."

Deutsch lesen und schreiben konnte Müller 1990 bei ihrer Ankunft in Braunschweig schon, verstanden hat sie trotzdem nicht viel. Mit 13, in der Zeit ihrer "pubertären Neugier", war das ein Schock. "In Kasachstan war ich Klassensprecherin, übernahm gerne Aufgaben, galt als forsch. In Deutschland bin ein bisschen verstummt. Je mehr ich mich in die neue Sprache hineinfand, desto besser konnte ich mich wehren." Wenn sie ausgelacht wurde, wegen ihres Akzents zum Beispiel, den man heute so gut wie gar nicht und auf der Bühne überhaupt nicht hört. Ein Theaterkurs als Schülerin, ein kleines Ensemble mit Freundinnen, die eigene Stücke bastelten und aufführten, weckten dann ihre Lust am Schauspiel.

"Ich wollte keinesfalls 500 Jahre vorsprechen müssen. Ich glaube an Schicksalsgeschichten", sagt Müller. Beim ersten Vorsprechen wurde sie schon fast genommen, weshalb sie ihre Prinzipien über Bord warf und es doch noch einmal probierte. Aber sie nahm sich auch an der Schule noch die Freiheit, "herauszufinden, ob es meins ist. Ein gewisser Grundzweifel ist gut. Das Gefühl für die Gegenwart des Lebens, so sehr man fürs Theater auch brennt." Wie in vielen ernsthaften, nachdenklichen Menschen steckt auch in Elisabeth Müller eine Komikerin. "Das Komödiantische fällt mir nicht schwer. Ich liebe Slapstick. Aber zum ersten Mal bin ich mit ,Viel Lärm um nichts’ von Anfang an bei einer wirklichen Komödie dabei, und ausgerechnet da habe ich den tragischsten Part erwischt", amüsiert sich Müller mit einem strahlenden Lachen. "Verrat, Rufmord, Scheintod muss Hero durchmachen. Aber ich mag es, wenn Lachen und Weinen Parallelen sind. Wenn hinter der Komik etwas ist, was den Leuten ins Herz geht." Das herzerwärmende Protagonistenpaar spielt Müller mit ihrem "Lieblingspartner" Leopold Hornung als Claudio.

"Die Verantwortung wird, nach dem Erfolg von ,Was ihrwollt’, bei der Premiere groß sein. Locker kann man nicht auf Befehl sein, aber erst dann entzündet sich der Witz. Wenn er es nicht tut, müssen wir daran arbeiten", sagt pragmatisch Elisabeth Müller. Beobachtet sie die Theaterszene in ihrer Heimat? "In Hamburg?", fragt sie irritiert zurück. Kasachstan ist inzwischen auch für sie weit weg, Freunde hat sie dort keine mehr. "Aber ich habe ein Augenmerk auf das russischsprachige Theater überhaupt, soweit es in Deutschland wahrzunehmen ist."

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