Das Herz an den Pfannenstiel verloren

- Vergeblich wird man auf einer US-Landkarte die Städte Woolybucket oder Cowboy Rose suchen. Und ein Konzern mit Namen Global Pork Rind existiert ebenso wenig wie ein Stacheldrahtfest. Was bei Annie Proulx nichts zu sagen hat: keine Filmdokumentation über die "panhandles", die übereinander liegenden "Pfannenstiel"-Ausläufer von Texas und Oklahoma könnte realistischer, bildkräftiger sein als ihr "Mitten in Amerika".

<P>Die ehemalige Journalistin liefert da ein waschechtes Stück Landeskunde, speziell über die raue Gegend des einstigen "Wilden Westens", aber eben fabelhaft verpackt in einen Roman. Am Ende glaubt man, all diese streitbar-skurrilen Panhandle-Typen persönlich zu kennen.<BR><BR>Proulx, bereits bedacht mit einer Reihe von Literatur-Preisen (etwa für "Schiffsmeldungen" oder "Das grüne Akkordeon") kann erzählen. Denn wie sonst würde man Sachwissen-Implantate schlucken wie halbseitige Verfütterungsstrategien mit Sojamehl, Rübenrückständen, Baumwollsamenkapseln, anhydrischem Ammoniak und den Pharmazeutika Compudose, Bovatec, Rumensin, Finaplex, Ralgro, Synovex? Oder die wiederholt minutiös fachmännische Beschreibungen von den im trocken-sandigen Panhandle überlebensnotwendigen, aber oft schon asthmatisch alten Windrädern, also von Gewindebolzen, Rotorblättern, Weißmetallagern, Eklipse-Modellen (viel Arbeit für Übersetzerin Melanie Walz) ?<BR><BR>Die 68-jährige Autorin versteht es, ihre Recherchen über Boden- und Klimaverhältnisse, Vegetation, Sitten und Gebräuche - vom religiösen Patchwork-Kränzchen bis zum Rodeo und den verbotenen Hahnenkämpfen - einzubetten in so etwas wie "Bob Dollars Lehr- und Wanderjahre". Der junge Mann, mit acht Jahren von den nach Alaska entfleuchenden Eltern auf der Türschwelle des Trödelladens seines Onkel Tam ausgesetzt, hat nach Jobs als Verkäufer und Lagerist bei Global Pork Rind (GPR) angeheuert.<BR>Im Panhandle soll er verkaufsfreudige Rancher ausfindig machen. GPR braucht Land für Schweinemastbetriebe, riesige Fleischfabriken, gehasst von Einheimischen, weil sie ihre Prärie mit gesundheitsgefährdendem Gestank verpesten. </P><P>Bob Dollars Lehrund Wanderjahre</P><P>Aber schon in seiner Unterkunft im Blockhaus der Busted Star Ranch ahnt der Leser, dass Bob an die herb-schöne Landschaft sein Herz verlieren würde. Und dieser auf Happy End hin ausgelegten Fährte folgt man wohlig entspannt, eingehüllt von Proulx trockenem Witz: "Wenn man hier lebt, ist es kein Nachteil halb Kuh, halb Mesquite-Strauch zu sein und durch und durch verrückt", klärt Busted-Star-Besitzerin ihren neuen Mieter auf.<BR><BR>Und mit einer ganzen Reihe solcher Panhandle-Käuze, Windradbauer, Cowboys, Café-Betreiber, Rancher-Schlitzohren und ausgefuchsten Witwen, macht uns Proulx bekannt, während der GPR-Grundstück-Scout das Gebiet abklappert. Statt Verkäufer auszuspionieren, gewinnt Bob immer mehr Bekannte und Freunde - durch deren heimatfreakische Erzähllust das Land Gesicht bekommt. Schließlich sehen sie ihm sein ursprüngliches berufliches Ziel nach und bieten ihm einen Job bei der neu gegründeten Vereinigung zur Erhaltung der Prärie an.<BR><BR>Da Bob ein leidenschaftlicher Leser der "Expedition to the Southwest" (1846) des Topographen James William Abert ist (University of Nebraska Press, Lincoln 1999), erfährt man obendrein etwas über die Erschließung des Landes, Details vom Transport durch zehnspännigen Frachtwagen und der Ablösung durch die Eisenbahn, vom Ölrausch und der Stacheldraht-Parzellierung des einst offenen Weidelandes. Und das kann man, bei staubig-sengendem Wind und bei niederstürzendem Regen, fast riechen und schmecken.</P><P>Annie Proulx: "Mitten in Amerika". Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Luchterhand Verlag, München. 510 Seiten, 25 Euro.<BR>"Orte können einem nie gehören, selbst der Kamera nicht. Und wenn wir uns ein Bild von ihnen machen, dann leihen wir uns nur die Erscheinung des Ortes für eine kleine Weile aus, nichts als Außenhaut." </P>

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