Herz der Rolling Stones

- Sehr zum Leidwesen des Betroffenen ist es im Grunde unmöglich, über Keith Richards zu sprechen, ohne Mick Jagger zu erwähnen. Selbst Richards 60. Geburtstag, den er heute begeht, wird von Jaggers Erhebung in den Ritterstand überschattet. Richards bekundete bei dieser Gelegenheit seine "kalte Wut" über die "Dummheit" seines Mitstreiters. Richards hasst Jagger, der ihm das Leben seit einem halben Jahrhundert zur Hölle macht, wirklich. Angefangen hat es harmlos als Schülerfreundschaft. In den 50er-Jahren lernten sich Richards und Jagger auf der Maypole County Primary School im heimatlichen Dartford kennen und entdeckten ihre gemeinsame Leidenschaft für Blues-Musik.

<P>Niemals ein Sir<BR><BR>Ab 1962 traten Richards, der Kunststudent, und Jagger dann mit ihrer Band "Rolling Stones" auf. Ein Jahr später wurden sie von ihrem Manager Andrew Oldham dazu verdonnert, als Duo Songs zu komponieren. Denn Oldham hatte begeistert miterlebt, wie John Lennon und Paul McCartney innerhalb weniger Minuten das Lied "I Wanna Be Your Man" für die "Stones" geschrieben hatten, und sofort erkannt, dass man mit Autorenrechten noch mehr Geld verdienen konnte. Also waren Richards und Jagger aneinander gekettet. Sie komponierten tatsächlich umgehend Klassiker der Rockmusik. Damit war klar, dass es für Richards ein hartes Leben werden würde. Jaggers Kokettieren mit der High Society, der ausgeprägte Geschäftssinn, das gewandte Spiel mit den Medien - all das war für Richards' Verrat am Rock 'n' Roll.</P><P>In den 70er-Jahren flüchtete sich Richards in Drogen und Alkohol, um die Zirkustruppe ertragen zu können, zu der die Rolling Stones mittlerweile mutiert waren. Mitte der 80er bekam er durch die Gründung einer Familie wieder einen klaren Kopf. Den Stones gelang ein beeindruckendes Comeback, kaum dass Richards wieder die kreative Kontrolle übernommen hatte. Mick Jagger wurde nur noch ins Studio eingelassen, um seinen Gesang abzuliefern. Alles andere hatte Richards an sich gerissen, der zwischendurch gedroht hatte, dem eitlen Sänger die "Kehle durchzuschneiden". Musikalisch und menschlich haben sich die selbst ernannten "Glimmer Twins" schon lange entfremdet. Jagger beherrscht die Schlagzeilen, aber Richards ist das Herz der Stones. </P><P>In Interviews überrascht Richards, der mittlerweile wie ein 300-jähriger Indianer-Häuptling aussieht, durch abgeklärte Altersweisheit und auf seinen Soloalben mit einer erstaunlichen Vielseitigkeit und einer weichen, verletzlichen Note, die ihm nur wenige zutrauen. Es ist Zeit, dem Mann Gerechtigkeit widerfahren zulassen. Er hat mehr "gelitten" als alle anderen lebenden Rockstars und dabei immer wieder wunderbare Musik geschaffen. Er hat einen anständigen Geburtstagsgruß verdient, in dem der Name Mick Jagger nicht erwähnt wird: Hiermit sei Keith Richards, der kein Sir ist und es niemals werden wird, herzlichst alles Gute zum 60. Geburtstag gewünscht.</P>

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