In der Herzkammer von Chopin

- Die Begriffe "Altes Testament" und "Neues Testament" der Klaviermusik sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts an Bachs Wohltemperiertem Klavier und Beethovens Klaviersonaten vergeben. Pech für die Nachgeborenen, denn Frédéric Chopins 24 Pré´ludes op. 28 verdienen ohne Zweifel einen gleichberechtigten Platz an der Seite der älteren Geschwister.

<P>Der Wiener Pianist Stefan Vladar hat nun im Prinzregententheater eine Deutung dieses musikalischen Kosmos' vorgelegt, über die man, eigenwillig wie sie war, streiten kann. Chopins Werk, im Gegensatz etwa zum Wohltemperierten Klavier durchaus für die zyklische Aufführung gedacht, stellt eine entscheidende Frage an den Interpreten: versuchen, den 24 Stücken durch alle Tonarten einen großen Bogen, einen organischen inneren Zusammenhang zu geben, oder jedes als musikalisches Individuum für sich stehen lassen? </P><P>Vladar entscheidet sich für Letzteres, modelliert jede der Miniaturen bis ins kleinste Detail. Immer wieder aber überschreitet dieser minutiöse Gestaltungswille die Grenze zur Manieriertheit: Verzögerungen am Rande der Überdehnung erfüllen den zarten A-Dur-Walzer mit Nervosität, im berühmten Des-Dur-Prélude spielt Vladar die kurze einstimmige Kantilene vor der Coda non-legato zu kontinuierlich gehaltenem Pedal, so dass ein interessanter, dem Stil des Zyklus' aber letztlich fremder Cluster-Effekt entsteht. In manchen der raschen Stücke werden dem Künstler die Kraft seiner linken Hand und seine zupackende Virtuosität zum Verhängnis; donnernde Bässe lassen im Verein mit ebenfalls reichlich genutztem Pedal den im Passagengewirr eingebetteten Melodien kaum eine Chance, sich aufzuschwingen. </P><P>Anderes hingegen von großer Schönheit: Mit hinreißend verinnerlichtem Spiel wie im ätherischen Fis-Dur-Prélude trat der Künstler doch immer wieder ein in die Herzkammern Chopin'scher Musik. <BR></P>

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