Herzzerreißende Szenen

- Er gehörte zu den stillen Helden, die nicht in Fernseh-Reihen als "Hitlers Manager" und dergleichen "verherrlicht" werden. Wilm Hosenfeld - 1895 im hessischen Mackenzell geboren, 1952 in einem Lager bei Stalingrad gestorben - war zwar Besatzungsoffizier, aber nicht durch Militarismus verblödet, war auch nicht amoralisch geworden durch die Karriereverlockungen, die die Nazis der Offizierskaste boten. Er war gläubiger Christ. Thomas Vogel hat im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Potsdam Hosenfelds Briefe und Tagebücher herausgegeben.

<P>Die Aufzeichnungen beginnen 1917 im Ersten Weltkrieg; weit umfangreicher sind die Niederschriften im Zweiten Weltkrieg, die mit der russischen Kriegsgefangenschaft enden.<BR>Hosenfeld wurde erst als hilfreicher Offizier durch Roman Polanskis Film über den "Pianisten" Wladyslaw Szpilmann "berühmt". Das Buch heißt denn auch "Ich versuche jeden zu retten". Heute um 20 Uhr liest Jochen Striebeck in den Münchner Kammerspielen aus diesen Texten, die nicht nur große Lebenstragik spiegeln, sondern auch sehr innig familiär sind. Im Folgenden einige Auszüge.</P><P>Warschau, September 1940 an die Ehefrau.<BR>"Meine gute, liebe Frau, meine Herzliebste - Dein Blumenkränzlein hängt an der Wand über meinem Bett. Die einzelnen Blumen leuchten mir jede einen Gruß von Dir ins Herz. . . Ich fühle mit Dir und spüre Deinen Kummer. Und ich sehe die tausend anderen Frauen neben Dir, wie sie der Jammer würgt. . . Ich sehe die traurigen Augen der einsamen Mütter . . . Jeden Tag hält der Tod seine grimmig Ernte unter den jungen Männern, jeder Tag bringt neue Verwüstung und Unheil über feindliche Städte. . .  Gott schweigt: Die Herzen der Menschen sind verhärtet. Er überlässt sie ihrem Verderben. . . Vor einem Jahr lag Warschau voller toter Menschen, Leichen über Leichen und rauchende Trümmer."</P><P>Notiz, September 1940.<BR>"Schwiegertochter von Frau Sachs übernimmt den Auszug. Jüdin, alle Juden kommen ins Ghetto."</P><P>Warschau, Juni 1941, an den Sohn Helmut über einen Obergefreiten.<BR>"Ich lud ihn zum Essen ein. Er erinnerte mich so an Dich. . . Nachher schrieb er mir. Er will zur SS. Ich schrieb ihm ab und legte ihm meine Gedanken klar. Schade, dass diese jungen Menschen so verhetzt sind und gar keinen Überblick mehr haben und kein Urteil, was recht und unrecht ist."</P><P>Tagebucheintrag vom April 1942 in Warschau.<BR>"In Zakopane haben Polen ihre Schi nicht abgeliefert, darauf wurde Haussuchung gemacht, und 240 Männer kamen nach Auschwitz, das gefürchtete KZ-Lager im Osten. Dort werden die Menschen von der G.Sta.Po. zu Tode gequält. Um schnellen Prozess zu machen, treibt man die Unglücklichen in eine Gaszelle und tötet sie mit Gas. Bei den Verhören werden sie unmenschlich geschlagen. Besondere Marterzellen hat man da . . ."<BR>Warschauer Aufstand</P><P>Tagebuch, August 1943.<BR>"Die Friedenssehnsucht ist in Italien so stark wie in Deutschland. Und das italienische Volk hofft sicher auf eine Sonderbehandlung, wenn es Schluss macht."</P><P>Tagebuch, 8. August 1944.<BR>"Am 1. August, also vor einer Woche, brach nachmittags um 4 Uhr der Aufstand in der Stadt Warschau aus. Seitdem sinkt die Stadt von Tag zu Tag mehr in Schutt und Asche. Herzzerreißende Szenen spielen sich in den brennenden Straßen ab. Die Bevölkerung sitzt in den Kellern und wird bei den Räumungsaktionen auf die Straße getrieben, Männer, Frauen und Kinder. Gestern wurden nur die Männer, tags zuvor auch Frauen und Kinder getötet. . . . Es soll Befehl von Himmler sein, alle Männer umzubringen."</P><P>Vernehmungsprotokoll in der Gefangenschaft, Juni 1945 in Minks.<BR>"Meine Tätigkeit während des (Warschauer) Aufstandes (1.8.-3.10.44). Als stellvertretender Leiter der Abteilung Ic hatte ich in den ersten Tagen folgende Aufgaben: 1. Führung der Landkarte für die Großlage an der russischen Front im Bereich 9. Armee. . . 5. Verhöre der eingebrachten gefangenen Zivilisten. 6. Aufnahme der Verbindung mit dem SS- und Polizeiführer und mit dem SD."</P><P>Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten". <BR>Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern. <BR>Hrsg. Militärgeschichtliches Forschungsamt. <BR>Deutsche Verlags-Anstalt, München, 1194 Seiten; 32 Euro. </P><P>Lesung, heute, 29. November 2004,  in den Kammerspielen um 20 Uhr.</P>

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