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Der Fels der Vernunft sitzt bei Deep Purple hinterm Schlagzeug: Ian Paice, hier mit Sänger Ian Gillan. 

Gespräch mit Ian Paice von Deep Purple

„Die Musik lebt ewig – wir nicht“

München - Heute erscheint „Infinite“, das 19. Studioalbum von Deep Purple. Wir sprachen mit Schlagzeuger Ian Paice über die letzte große Welttour der Rockgruppe und das Klischee vom irren Rock‘n‘Roll-Drummer. 

Zarte 19 Jahre alt ist Ian Paice, als er die erste Platte mit Deep Purple einspielt, und natürlich hat er keine Ahnung, dass diese Band sein Schicksal wird. Heute blickt der 68-Jährige im Gespräch auffallend reflektiert auf diese erstaunliche Karriere zurück. Er verzichtet dabei auf Stargehabe oder Rockposen – und erinnert eher an einen zurückhaltenden Archivar, der beiläufig sein profundes Wissen teilt. Paice wirkte in der zeitweiligen Krawall- und Chaostruppe Deep Purple immer wie ein Fels der Vernunft und Ruhe im Sturm des Wahnsinns. Er sagt, dass man anders in diesem Geschäft auch nicht bestehen könne. „Es ist ein außergewöhnlicher Beruf, aber die Leute, die ihn ausüben, sind keine außergewöhnlichen Geschöpfe. Das muss man immer im Kopf behalten, sonst dreht man ab.“

„Als wir anfingen, war ich ein Baby“

Es hat freilich eine Weile gedauert, bis er begriffen habe, dass das, was er und seine Kumpane da treiben, tatsächlich ein Beruf ist, räumt Paice ein. „Als wir anfingen, war ich ein Baby. Ich spielte Schlagzeug, hatte immer genug Geld für ein paar Drinks, und alles andere war mir egal. Erst nach ein paar Jahren wurde mir klar, was für ein privilegiertes Leben ich führe, und habe begonnen, auf meine geistige und körperliche Gesundheit zu achten, um dieses Leben weiterführen zu können. Man kann Rock’n’Roll nicht 24 Stunden am Tag leben, weil es nicht real ist, sondern Show. Wer das nicht begreift, geht vor die Hunde. Und es sind ja auch nicht mehr so wahnsinnig viele da, die das so lange durchziehen wie wir. Das hat Gründe.“

Am wichtigsten aber sei – und in dem Augenblick klingt Paice wie eine Mischung aus Jobcenter-Berater und Therapeut –, dass einem die Arbeit Spaß mache, weil es sonst nichts wird mit einer Karriere. „Wenn du ein Leben lang ein Instrument spielst, dann tust du das, weil es dir Freude macht. Anders funktioniert es nicht. Man muss es irgendwann ernsthaft angehen, schon klar. Aber du musst es immer lieben wie damals als Kind, als du zum ersten Mal den Klang des Schlagzeugs für dich entdeckt hast.“

„Diese Welttournee wird drei Jahre dauern“

In seinen sanften Tonfall schleicht sich eine Spur Unmut, wenn Paice auf das Klischee des irren Rock’n’Roll-Drummers angesprochen wird. „Schlagzeug spielen ist Mathematik. Jeder Schlag steht in Beziehung zu den Schlägen davor und danach. Eine Gleichung, wenn man so will, und sie muss immer aufgehen. Als Trottel bekommt man das nicht hin. Diese berühmten irren Schlagzeuger waren nicht dumm. Das exzentrische Verhalten hatte eher damit zu tun, aus welchen Verhältnissen sie kamen, wie sie aufgewachsen sind.“

Zur Intelligenz gehört wohl auch, im Alter sparsamer mit den Kräften umzugehen, um immer noch allabendlich auf die Felle prügeln zu können. „Manchmal sehe ich alte Konzertfotos von mir, mit meinen Armen weit oben über meinem Kopf. Sah toll aus, ist aber natürlich wahnsinnige Kraftverschwendung. Heute spiele ich effektiver, das ist das ganze Geheimnis.“

„Im Moment geht es uns allen gut“

Und da er schon beim Lüften von Geheimnissen ist, verrät Ian Paice auch gleich, was es mit der „letzten Tour“ auf sich hat, die Deep Purple im Mai auch nach München führt. „Diese Welttournee wird drei Jahre dauern. In unserem Alter ist das eine Zeitspanne, in der sehr viel geschehen kann. Ich weiß nicht, ob wir danach noch körperlich zu Tourneen in der Lage sind. Unser letztes Konzert rückt auf jeden Fall näher, das müssen wir akzeptieren. Es ist eben so: Die Musik lebt für immer – die Musiker leider nicht. Deswegen ist es womöglich unsere letzte große Tour. Aber keine Sorge – im Moment geht es uns allen sehr gut.“ Es ist das erste Mal, dass Paice während dieses Gesprächs lacht. Es klingt wie bei einem kleinen Buben.

Zoran Gojic

Konzerthinweis:

Deep Purple spielen am 19. Mai, 20 Uhr, in der Münchner Olympiahalle; Telefon 089/ 54 81 81 81.

So klingt das neue Album von Deep Purple:

Ein kleiner Schock zu Beginn – hat man aus Versehen Daft Punk eingelegt? Denn so klingen die ersten Sekunden der 19. Studioplatte von Deep Purple. Aber die Irritation währt nur kurz, schnell erweist sich das Album als würdige Fortsetzung der exzellenten Vorgänger „Bananas“ und „Rapture of the Deep“. Es sind unverkennbar Deep Purple, aber eben nach einer Frischzellenkur. Der Ausstieg der Schwurbler Ritchie Blackmore und Jon Lord verleiht dem Sound eine frische Prägnanz, und dass Ian Gillan nicht mehr so schrill kreischen kann wie früher, ist auch als Bereicherung zu betrachten. Ein feines, überraschend vielfältiges Lebenszeichen mit Retro-Charme von einer Band, der es gelungen ist, nicht zur eigenen Karikatur zu verkommen.

Deep Purple: „Infinite“ (Edel).

Lesen Sie hier unsere Kritik zum Deep-Purple-Konzert auf dem Münchner Tollwood im Juli 2016.

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