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John Irving

Literaturkritik

John Irving erzählt vom Mann, der zwei Leben hatte

München - Am heutigen Mittwoch erscheint John Irvings neuer Roman „Straße der Wunder“, den der US-Schriftsteller Ende Mai im Münchner Residenztheater vorstellt. Lesen Sie hier unsere Kritik.

„Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umhüllt.“ Zwar hat John Irving ein anderes Shakespeare-Zitat als Motto für seinen 14. Roman „Straße der Wunder“ gewählt, Prosperos Worte aus dem „Sturm“ wären aber genauso passend gewesen.

Irvings Protagonist Juan Diego Guerrero, ein bekannter älterer Schriftsteller, reist zum Jahreswechsel auf die Philippinen. Bereits die ersten Sätze weisen auf den Aufbau des Romans hin. Guerrero fühlt sich, als habe er zwei Leben gelebt, schreibt Irving, seine Kindheit und frühe Jugend als Mexikaner, später als US-Amerikaner. Eine Verbindung gibt es nicht. „Was Juan Diego immer behauptete, war, dass er in seinem Inneren – sicherlich in seinen Erinnerungen, aber auch in seinen Träumen – zwei Leben parallel lebte und wieder erlebte.“ Er befindet sich in einem Zwischenraum zwischen Traum und Wachsein, gestern und heute, ausgelöst durch Experimente mit Betablockern und Viagra. Gegenwart wird zu Vergangenheit, etwa wenn das Geräusch des Flugzeugs bei der Landung für ihn zum Geräusch des Autos wird, das ihm über den Fuß fährt, weshalb er für den Rest seines Lebens humpeln wird. In Flugzeugen, auf Flughäfen, in Hotels – auch die Orte, an denen sich Juan Diego aufhält, sind Orte des Dazwischen.

Ein Groupie-Gespann aus Mutter und Tochter begleitet den Helden

In seinen Träumen und Erinnerungen durchlebt er Episoden aus seiner Kindheit und frühen Jugend wieder. Mit seiner geliebten kleinen Schwester Lupe wächst er auf einer Müllkippe bei Oaxaca in Mexiko auf. Beide sind auf ihre Weise Wunderkinder. Juan Diego bringt sich mithilfe ausrangierter Bücher selbst Lesen, Schreiben und Englisch bei. Lupe, die nur er versteht, kann Gedanken lesen und die Zukunft vorhersagen, wenn auch nur mehr oder weniger zuverlässig. Der Weg der Geschwister führt über ein Waisenhaus bis zu einem Zirkus, in dem sie die Chance für eine Zukunft sehen.

In Juan Diegos Gegenwart nimmt sich ein Groupie-Gespann aus Mutter und Tochter seiner an. Miriam und Dorothy begleiten ihn abwechselnd, und beide befriedigen dabei Irving-typisch auch seine sexuellen Bedürfnisse. Es scheint, als würden diese engelhaft und dämonisch zugleich erscheinenden Frauen die Verbindung zwischen Juan Diegos beiden Leben herstellen können. Es sind die Verluste, die auf der zweiten Ebene des Romans seinen Unwillen auslösen, in der realen Welt zu leben: der seiner kleinen Schwester und der seiner Adoptiveltern Edward und Flor, einem ehemaligen Jesuitenpater und einem Transsexuellen.

Irving erzählt einfühlsam diese Liebesgeschichte

Es gehört zu John Irvings Stärken, eine so skurrile Liebesgeschichte so einfühlsam erzählen zu können, dass ihre Protagonisten nicht zu Karikaturen verzerrt werden. Wieder hat Irving einen Roman über einen Romanschriftsteller geschrieben, wie in „Garp und wie er die Welt sah“ oder „Letzte Nacht in Twisted River“. Und wieder hat er damit bewiesen, was für ein großartiger Erzähler er ist. Weitere Motive werden Irving-Lesern bekannt vorkommen, unter anderem das des Außenseiters. Unvermeidlich sind natürlich wieder die befremdlichen Sexszenen, die sich aber trotzdem nicht einfach überblättern lassen. Sogar Details aus früheren Romanen greift er auf wie das Bild einer Frau, die den Penis eines Ponys im Mund hat, das schon in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ schockierte. Nur auf den Bären wartet der Leser diesmal vergeblich.

Die Wiederholungen greift der 74-jährige US-Amerikaner mit einem Augenzwinkern auf, wenn er seinen Schriftsteller Sätze in sein Notizheft schreiben lässt, die ihm irgendwie bekannt vorkommen.

Der Roman spiegelt John Irvings Lust am Schreiben wider, den Spaß, den ihm die Arbeit daran bereitet zu haben scheint. Denn trotz der Verluste, die ihn begleiten, hat Juan Diegos Schicksal auch komische Seiten. Es ist der Glaube an das Wunderbare im Leben – im doppelten Sinne –, den John Irving heraufbeschwört. Das Sein ist doch eine Straße der Wunder.

Teresa Pancritius 

 

John Irving:

„Straße der Wunder“. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. Diogenes, Zürich, 784 Seiten; 26 Euro.

John Irving stellt am Freitag, 27. Mai, 20 Uhr, seinen Roman im Münchner Residenztheater vor. Der Kartenvorverkauf beginnt am Samstag, 26. März, unter der Telefonnummer 089/ 2185-1940.

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