Heute im Stadion

- Warum gerade dem verfallen? Einem Typen, der sie onkelhaft auf die Stirn küsst. Der selbstverliebt am Flügel den Hochzeitsmarsch komponiert. Und der seine Silberschimmer-Anzüge offenbar beim 70er-Jahre-Versandhaus bestellt. Da muss Elsa nicht erst ihre verhängnisvolle Fragerunde starten: Die Angelegenheit mit Lohengrin, Schwan & Co. hätte sie gleich bleiben lassen sollen.

Für Regisseur Nikolaus Lehnhoff ist das Scheitern also ab der ersten Begegnung klar - hier der autistische, wenig sympathische Ritter, dort die unverstandene Leidensfrau. Doch weniger wegen Lehnhoff war man ja ins Festspielhaus Baden-Baden zu Wagners "Lohengrin" gepilgert,  sondern  wegen  seiner Partner. Denn Stephan Braunfels, Münchens Star-Architekt und unter anderem Schöpfer der Pinakothek der Moderne, wagte dort sein erstes Bühnenbild. Und Kent Nagano, ab Herbst Opernchef an der Isar, stand im Graben, wo er das Deutsche Symphonie-Orchester dirigierte.

Der Dirigent als kluger Koordinator

Noch immer eilt ja Nagano ein merkwürdiges Vorurteil voraus. Der Mann habe kaum Opern-Erfahrung, geschweige denn ein nennenswertes Repertoire und bewege sich allenfalls in Randbiotopen, so wird geätzt. Nun kommt die Paarung Nagano/ Wagner tatsächlich selten vor - was aber, nach Anhören dieser Premiere, im Grunde sehr schade ist.

War's Konzept oder Fremdeln: Nagano brauchte Zeit, um seinen "Lohengrin"-Ton zu finden. Das große Versprechen eines wundersamen Vorspiels wurde im ersten Akt nicht eingelöst. Der war quadratisch, praktisch, gut, litt an einem starren Metrum, auch an geringer dynamischer und farblicher Variabilität. Und das obwohl Nagano mit dem Orchester durchaus eine passend dunkle, tiefenscharfe, "deutsche" Klanglichkeit entwickelt hat.

Auch im Folgenden gab Nagano eher den klugen Koordinator, weniger den Stimmungszauberer oder Überwältiger. Was ja dem Stück nicht unbedingt schadet. Das Dur-Pathos, die brausenden Chöre wurden nicht als Effekte missbraucht, alles schien vielmehr hinterfragt, geriet auch manchmal - bedingt durch davoneilende Chöre - ins Straucheln. Überraschend der Strich im zweiten Aufzug ("In Früh'n versammelt uns der Ruf"), im dritten Akt dann die Wende. Plötzlich erfuhr der Abend eine Zuspitzung. Naganos Deutung gewann an Schärfe, Gefährlichkeit, stürzte nach einer grandiosen Verwandlungsmusik dem Ende geradezu entgegen.

Lehnhoff bediente die in Baden-Baden gefragte Kulinarik: Aktualisierung gern, es darf halt nicht belästigen. Dass er klar, versiert und mit wenigen, wirkungsbewussten Zeichen erzählt, muss kein Makel sein. Schon eher, dass bei ihm Pathos und Erotik etwas Stereotypes haben, dass er Tableaus arrangiert, statt Charaktere zu formen. Auch dass er mit Lohengrins Klavierspiel völlig unmotiviert ein Künstlerdrama andeutet. Vor allem aber: Die x-te Anspielung auf 30er-Jahre-Militarismus hätte man dem Stück gerne mal erspart. Zumal das bei Lehnhoff ohne Konsequenz bleibt - statt sozialpolitischem Drama gibt's Hochzeit bei Bürgermeisters.

Von Stephan Braunfels wird der zweite Akt in Erinnerung bleiben: eine gewaltige, eindrucksvolle Freitreppe, unterbrochen von einer schrägen Rampe. Viel Raum also für Chorauftritte, Elsas Drei-Meter-Schleppe und für Waltraud Meier, die sich als Ortrud dekorativ auf die Stufen gießen durfte.

Keimfreie Lyrik: Klaus Florian Vogts Lohengrin

Die Eck-Aufzüge schwankten zwischen "Heute im Stadion" und einer Wieland-Wagner-Wiederbelebung. Braunfels baute eine halbkreisförmige Tribüne, setzte davor die Bayreuther Nachkriegsscheibe. Baden-Baden könnte fortan sparen, in solcher Ästhetik lassen sich problemlos "Don Carlos", "Elektra" oder "Cavalleria rusticana" spielen.

Klaus Florian Vogt, mittlerweile an vielen Häusern in der Titelrolle herumgereicht, wurde heftig gefeiert. Wohl wahr, wo sich Kollegen mühen, gelingen ihm traumhaft weiche Lyrismen und schwebende Piano-Momente. Doch haftet dem hellen Timbre, das viel Kopfstimme beimischt und daher mühelos trägt, auch etwas Keimfreies, Körperloses an. Dort wo weniger der himmlische Ritter gefragt war, sondern der irdische Kämpfer, blieb Vogt nur unerotisch entrückt.

Solveig Kringelborn sang die Elsa neutral, zwischen fragilem Piano und vibratoreicher Emphase. Hans-Peter König dürfte der derzeit

weltbeste König Heinrich sein, Waltraud Meier packte ihr Dämonie-Instrumentarium aus, konnte das vokal aber nicht ganz beglaubigen, Tom Fox (Telramund) und Roman Trekel (Heerrufer) lieferten leicht forcierte Dramatik. Ovationen, Kameras hielten alles für eine DVD fest. Dabei würde, angesichts der Standbilder, eine CD mit Foto-Beiheft vollauf genügen.

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