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Birgit Minichmayr, der neue Bühnenliebling der Münchner, hier als Hedda Gabler. Das gleichnamige Ibsen-Stück hat morgen Premiere.

Birgit Minichmayr im Interview

„Hier spreche ich so viel Dialekt wie nie“

München - Die Schauspielerin Birgit Minichmayr spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über ihre Figur Hedda Gabler, München, Bairisch und die Schönheit. Ab Freitag steht sie in Henrik Ibsens Drama „Hedda Gabler“ auf der Resi-Bühne.

Birgit Minichmayr ist der unbestrittene Star am Residenztheater. Die 1977 in Linz geborene Schauspielerin begeistert nicht nur die Wiener und die Berliner, sondern seit 2011 auch das Münchner Publikum – und ebenfalls die Kino-Geher; gerade ist ihr jüngster Film „Gnade“ angelaufen. Ab der Premiere am Freitag steht sie in der Titelrolle von Henrik Ibsens Drama „Hedda Gabler“ auf der Resi-Bühne. Mit Intendant Martin Kušej, der Regie führt, hat Minichmayr schon öfter gearbeitet, etwa beim „Weibsteufel“ oder im „Interview“. Zum Gespräch kommt sie noch ganz erfüllt von der Probenarbeit.

Kurz vor der Premiere nehmen Sie sich noch die Zeit für ein Interview. Haben Sie gute Nerven in solchen Situationen?

Diese Pressegespräche gehören zu unserer Arbeit. Auch wenn ich generell jemand bin, der nicht gerne über Figuren redet.

Die Münchner lieben schon jetzt „ihre“ Minichmayr. Sind Sie in München angekommen? Andere Kollegen wie Nicholas Ofczarek hat es ja wieder zurück nach Wien gezogen.

(Lächelt.) Ich bin sehr herzlich empfangen worden – und ich schätze das wirklich. Nach einem Jahr kann ich nur oberflächlich über die Stadt sprechen. Ich brauche länger, um irgendwo das Gefühl des Angekommenseins zu entwickeln. Bei meinem Beruf bin ich doch sehr viel unterwegs. Ich glaube, ich kann erst nach vier, fünf Jahren einschätzen, wie mir eine Stadt gefällt.

Aber wie ist Ihr erster Eindruck?

Das Erstaunliche ist, dass ich hier so viel Dialekt rede wie nie. Das Niederbairische und das Oberösterreichische liegen so nah beieinander – das ist schön! Zugleich sagt man sich: „Hu, hoffentlich setzt sich das nicht zu sehr in der Arbeitssprache durch.“ Aber das sind Kleinigkeiten.

Hedda ist nicht gerade eine Sympathieträgerin. Wie verteidigt man so eine Figur?

Nein, ist sie überhaupt nicht. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich sie verteidigen muss. Ich habe auch kein Bedürfnis, die Figur sympathischer zu machen, als sie ist, damit sie verstanden oder geliebt wird. Darum geht es bei ihr nicht. Mich interessiert, in welcher Diskrepanz Frauen in der bürgerlichen Welt um 1900 lebten. Sie steckten in den Zwängen der repräsentierenden, gebärenden, dienenden Rolle. Und Hedda ist eine Frau, die das absolut ablehnt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass sie auch das Weibliche ablehnt. Um all das zu verdeutlichen, haben wir uns für historische Kostüme entschieden. Es geht nicht um Beziehung und Liebe: Das steht gar nicht zur Debatte. Das Dilemma dieser Frau ist, dass sie die Konvention sehr wohl erkennt, aber nicht ausbrechen kann. Sie traut sich nicht, da sie zu feige ist.

Die wenigsten von uns heutigen Frauen wachsen als „höhere Töchter“ auf. Wie kamen Sie dennoch  an Hedda Gabler, diese Generals-Tochter, heran?

Wir haben nach wie vor große gesellschaftliche Zwänge. Das sieht man jeden Tag an Zeitungsüberschriften, in denen moralisiert wird. Die „höhere Tochter“ – ja, mein Beruf hat natürlich viel mit Vorstellungskraft und Erlebnisfähigkeit zu tun. Deren Drama ist ja auch, dass sie zwar gut erzogen sind, aber dann nichts damit anfangen dürfen. Wie spielt man eine „höhere Tochter“? Man sieht zu, dass man edle Kostüme bekommt. (Lacht.)

Wenn man auf die handwerkliche Seite der Schauspielerei schaut: Wie nähern Sie sich Ihren Figuren an? Eher über den Text, über deren Ambiente, über Bewegungsabläufe, das Zusammenspiel mit den Kollegen?

Es gibt viele Faktoren, die zusammenspielen. Zum einen ist es natürlich so, wenn einem ein Stück zugewiesen wird: Was denken sich der Regisseur, der Bühnenbildner, die Kostümbildnerin dazu? Zum anderen: Was tragen die Kollegen dazu bei? Es ist ein Konglomerat aus verschiedenen Elementen. Aber die ersten Grundlagen für mich sind immer der Text und die Gedanken, die dahinterstehen – und das Herauskristallisieren von Zusammenhängen. Ob einer sich in die Zeit einliest, muss jeder für sich entscheiden. Für die Qualität auf der Bühne ist das nicht zwingend. Ich beschäftige mich gern mit der Kunst der Zeit – mit Ibsen, Hamsun, Munch und Colette. Christiania (später: Oslo; Anm.d.Redaktion) war damals eine unglaublich spannende Stadt. Man sieht sich gezielt Filme an, Bilder et cetera, und dennoch können diese Bezugsquellen ganz zufällig sein – und dann wieder nicht zufällig. Natürlich passiert noch sehr viel auf der Probe...

Hedda hat eine recht merkwürdige Vorstellung von Schönheit – eine tödliche gewissermaßen. Was ist für Sie schön?

Oh, das ist eine große Frage. (Überlegt gründlich.) Ich achte sehr auf Atmosphäre. Ich lege gern gute Musik ein, mache mir ein schönes Licht – gerade wenn es ums Zuhause geht. Stimmung ist ganz wichtig – aber auch die ist immer wieder anders.

Sie haben öfter mit Regisseur Martin Kušej zusammengearbeitet – sind Sie ein eingespieltes Team?

Durch das jeweils andere Stück ist die Arbeit stets eine andere. Natürlich weiß ich, wo Martins Vorlieben liegen. Mich interessiert die Lebenszeit, die ich auf Proben verbringe – und die sind mit Martin spannend.

Wie funktioniert das Hin und Her zwischen Film und Bühne?

So lange es gute Projekte sind, habe ich nie das Gefühl, dass ich in einen ausgelaugten Zustand komme. Ich empfinde das als sehr bereichernd, animierend, Energie gebend. Natürlich: Wenn du am Tag drehst, früh aufstehen musst und am Abend auf der Bühne stehst – das sind so Tage, die ich nicht gern mag. Allerdings gibt es viel härtere Berufe als unseren.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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