Hier spricht Edgar Wallace

- Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? Keiner mehr, das ist ja das Problem von Carl Maria von Webers "Freischütz". Nach Kino-Schockern und "Tagesschau"-Horror hat die deutscheste aller Opern empfindlich an Schauder-Kraft eingebüßt. Es sei denn, man zeigt die Schlachtfelder des Krieges (Joachim Herz), bietet die Wolfsschlucht als beklemmende Maschinen-Orgie inklusive Fliegeralarm (Peter Konwitschny) oder begibt sich samt Jungfernkranz und Johotrallala gleich ganz in die Ironie (Loriot).

Durch die Brille des Gruselkinos

Philipp Stölzl hat nun in Meiningen einen weiteren akzeptablen Weg gefunden. Der Münchner war früher Ausstattungs-Assistent an den hiesigen Kammerspielen und ist auf seinem eigentlichen Spezialgebiet, dem Musikvideo, ein internationales Ass. Pavarotti hat er in "Il canto" auf berührend komische Weise mit Allerweltstypen zusammengeschnitten, in "American Pie" mit Madonna einen bissigen Querschnitt durch die US-Gesellschaft gezeigt und Marius Müller-Westernhagen in "Nimm mich mit" auf verblüffende Weise altern lassen.

Wieder ein Opern-Quereinsteiger also. Doch wer fürchtete, auch in einem der traditionsreichsten deutschen Theater werde nun ge-dörriet und ge-eichingert, sah sich angenehm überrascht. Webers Oper müsse "vor allem verständlich, populär und auf keinen Fall modern" inszeniert werden, sagt Stölzl. Aufatmen also in Südthüringen, wo der kürzlich geschasste Intendant Res Bosshart das Haus fast leergespielt hatte.

Stölzls Kniff, beim "Freischütz" nicht nach Bildern zu suchen, die uns heute schocken, sondern das Stück durch die Brille des Schwarz-Weiß-Gruselkinos zu sehen, ist verführerisch und nur vermeintlich naiv. Dunkel dräuen also Tann und Gemäuer, ausgiebig huit's und rauscht's vom Band, schwarz gewandet, wie auf einer Beerdigung, das durch den Dreißigjährigen Krieg verrohte Volk. Samiel entsteigt als Nosferatu einer Art Geysir, Caspar ist weniger Jägerbursche als vielmehr keckernder Kobold, und Agathe hat sich in Gestalt Marlene Dietrichs, hier eine Mischung aus exaltierter Diva und Burgfräulein, auf die Szene verirrt.

Wolfsschlucht ist also nicht nur am Ende des zweiten Akts, sondern immer und überall. Das "Piff-Paff-Puff-Zaubertheater" (Stölzl) bedienen die Opernneulinge mit geisterhaften Projektionen und fluoreszierenden Skeletten. Doch wer fürchtet, das sei nun der Rücksturz in Uropas Oper, liegt falsch. Denn durch dieses Spiel mit Zitaten und Klischees schafft Stölzl die Gratwanderung zwischen romantischem Epos und Parodie. In den besten Momenten, auch wenn nicht jeder Gag gelingt, gibt sich dieser "Freischütz" als schwarze Operette - unterm Strich also eher "Hier spricht Edgar Wallace" als der angepeilte "Dracula".

Eine starke Gesellenarbeit

Das Ensemble jedenfalls steigert sich mit sichtbarer Lust ins Konzept hinein. Und gesungen wird dabei zufriedenstellend bis hervorragend: Jana Havranová´ (Agathe) gestaltet selbstironisch und mit versammelter, traumwandlerisch sicherer Tongebung, riskiert eine berückend feine Linienzeichnung - und gewinnt. Hans-Georg Priese (Max) führt eine Tenorstimme von erheblicher Strahlkraft ins Feld, wirkte nur etwas Premieren-gehemmt. Dae-Hee Shin als schmieriger, Agathe begrapschender Fürst Ottokar verschob mit machtvollem Wohllaut das Gewicht des Finales deutlich zu seinen Gunsten. Nur Erdem Baydar, obgleich stimmlich effektvoll grimassierend, fehlte für den Caspar dann doch die nötige Dämonie und Schwärze.

Dass sich Meiningens GMD Alan Buribayev für die Schärfen und klanglichen Staffelungen der Partitur interessierte, dabei behagliche Romantizismen vermied, ehrt ihn. Im merkwürdigen Gegensatz dazu: die spannungs- und zauberarmen Sicherheitstempi; dem famosen Orchester, so schien's, kann durchaus mehr zugetraut werden.

Am Ende einhelliger Jubel, auch fürs Regieteam. Gewiss drang oft Debütantenhaftes durch: arg lahmende Dialoge, vordergründig verdoppelnde Szenen, zu häufige Lichtwechsel, das freigiebige Auf- und Niederfahren des Portalschleiers. Doch eine Oper erzählen, zum Kern vordringen, dabei Kreatives, Pointiertes destillieren und Figuren zuspitzen, das kann Stölzl zweifellos. Meiningen war eine starke Gesellenarbeit; 2007, bei Berlioz' "Benvenuto Cellini" zu den Salzburger Festspielen, darf es dann schon ein Meisterstück sein.

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