Hier stehe ich: Die Hauptperson

- "Wenn die Puppenspieler sich nun herausnahmen, durch ihre Welten hindurchzubrechen, dann konnte die Zeit nicht mehr fern sein, daß Gott selbst durch seine Welt hindurchbrach!" Und so toben die Bewohner der alten niederländischen Stadt vor archibald strohalms selbst gebasteltem Kasperltheater.

<P>So viel metaphysische Analyse und damit Bedrohung der eigenen Existenz will man nicht (er-)dulden; da kommt der Knüppelschlag des Polizisten Andree gerade recht. Früher hatten die Bürgersleut' archibald als einen zwar zugezogenen, mit einem merkwürdigen Namen behafteten, aber doch seriösen Mann und braven Angestellten akzeptiert. Unliebsam aufgefallen war er erst, als er eines Tages das höchst geschätzte Puppenspiel von Ouwe Opa und seinem Sohn Theodoor störte. Denn Ouwe Opa ist nicht ein missachtetes Mitglied des fahrenden Volkes, sondern wird von den Bürgern mit höchster Ehrfurcht behandelt. <BR><BR>Bei solch einem Auftritt in Harry Mulischs frühem (1949-'51 entstandenen) Roman "archibald strohalm" ist klar, dass der Dichter nicht nur einen würdigen Weißhaarigen erscheinen lässt, sondern dass er mindestens eine Anspielung auf den biblischen Gott macht, insbesondere auf den etwas ungemütlichen alttestamentarischen. Archibald legt sich also vor aller Augen mit ihm und seinen Ideen an - und will natürlich, auf dem "Weg des Lachens", ein besseres Kasperlestück herausbringen. Zu lachen gibt's allerdings bei ihm auch nichts. Letztlich haben bei ihm Kasperl und Tod ausgedient, nur der Hanswurst quält sich wie Sisyphos in alle Ewigkeit gleichförmig ab. Mit derart trostlosem Existenzialismus erregt strohalm bei fast allen nur Langeweile oder Wut.<BR><BR>Aber da Gott schon einmal eingeführt ist in diesen wahnwitzigen Roman, präsentiert sich Mulisch selbst als solcher: Jeder Künstler ein Schöpfergott - und zugleich eine arme Sau. Maler Boris Bronislaw versucht's da lieber mit der natürlichen Schöpferkraft und zeugt ein Kind. Archibald - sein Lieblingsbaum heißt übrigens Abram, der Hund Moses - schmeißt sich jedoch auf die Literatur. Was ihm gar nicht gut bekommt. Nicht nur weil er deswegen sexuell abstinent lebt, sondern weil er in eine Irrsinnswelt eintaucht mit rückwärts gehendem Unsympathen, toten Vögeln, Massen an Ideen-Eiern, satanischem Glibberzeug auf Weg und Steg und stinkenden Verwesungsecken. <BR><BR>Harry Mulisch, 1927 geboren, malt ein surrealistisches Gemälde voll von bizarrem Schrecken und aufbrechender Komik. Bei dem sich das Autor-Ich schließlich auch noch aufmandelt und den armen archibald anfiest: "Hier stehe ich: die Hauptperson. Etwas von mir ist in dir verrückt geworden. Etwas, das in mir verrückt geworden war, habe ich in dich hineingekotzt." Und so geht es hochsymbolisch weiter bis zu: "Du hast mein Kreuz auf deine Schultern genommen, mein kleiner Erlöser. Ich werde dort reüssieren, wo du versagen mußtest." Recht hatte er, der Zwanzigjährige, er wurde ein berühmter Schriftsteller.<BR><BR>Sein "archibald strohalm" ist ein jugendlicher Geniestreich. Nicht weil der Roman so gut ist, er gestaltet das Form-Inhalt-Gewebe künstlerisch durchaus nicht befriedigend, sondern weil er so wild, so mutig, so großspurig ist. Da traut sich einer über Gott und die Welt zu schreiben, reflektiert Künstlertum - ohne Wehleidigkeit, sondern mit Selbstverspottung; da geht einer keinem Fallstrick aus dem Weg, macht tapfer Fehler und keine Konzessionen, überanstrengt den Leser - aber nimmt ihn ernst.<BR><BR>All das ist erfrischend, obwohl vor Jahrzehnten geschrieben, herzerfrischend, weil wüst europäisch, aufgeladen mit all den kulturellen Energien des Abendlandes (samt kleinasiatischen Wurzeln). Und eben ganz und gar nicht glatt, nach US-amerikanischer Mode formuliert, nicht faltenlos gebügelt in "Workshops" für "kreatives Schreiben". In Harry Mulischs "archibald strohalm" bricht sich Schöpferkraft ganz individualistisch Bahn: herrlich, ermutigend. </P><P>Harry Mulisch: "archibald strohalm". <BR>Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Carl Hanser Verlag, München, Wien, 299 Seiten; 21,50 Euro.<BR></P>

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